Kleinstarbeit als große Hilfe

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Sticken und stricken
bis in die Nacht

Sie sticken, stricken und nähen bis tief in die Nacht, erinnern manche Freunde und Kunden sogar telefonisch an ihre Basare. Und sie erfüllen auf Kunden-Nachfrage individuelle Wünsche: alles nicht aus Eigennutz, sondern mit der Intention Gutes zu tun. Nach 50 Jahren fleißiger Arbeit laden die sechs Damen vom Handarbeitskreis Herz Jesu, Essen-Unterfrintrop, am 11. und 12. November zum letzten Mal zum Winterbasar am Leoplatz 2. Besucher finden dort wertvolle Handarbeiten; jährlich mehrere hundert Gäste suchen das Gemeindeheim nah an der Stadtgrenze zu Oberhausen auf. Darunter sind viele Bekannte und Freunde. Aber auch prominente Gäste kamen in all den Jahren in das Haus am Leoplatz. „Über Jahre hinweg war die Familie des Aldi-Gründers Karl Albrecht hier zu Gast“, erzählen die Damen mit einem Schmunzeln.

„Es hätte auch für einen Mallorca-Urlaub gereicht“, witzelt Renate Rubarth in Bezug auf die immensen Einnahmen, die sie durch ihre Verkäufe erwirtschafteten. Doch auch wenn sie einen solchen Urlaub nach allem Einsatz verdient hätten, wurde seit Gründung 1967 jeder einzelne Cent der Summe von 258.000 Euro an ausgewählte Wohltätigkeitszwecke gespendet.

 

Vor 25 Jahren nahm Wolfgang Mertens,heute stellvertretender Leiter des Friedensdorfes, die erste Spende des Kreises für Friedensdorf International entgegen. Die Damen um Rubarth und Mit-Gründerin Margret Severin haben noch genau sein verdutztes Gesicht vor Augen, als sie ihm damals den Check von 7000 Mark überreichten. „Ich hatte mit einer kleinen Spende gerechnet, aber dass diese so hoch ausfallen würde…“, erinnert sich Mertens. In der Folge spendeten die heute zwischen 77 und 89 Jahre alten Frauen insgesamt 75.000 Euro.Wie sich die Beziehung des Kreises aus dem kleinen Essener Stadtteil zum Friedensdorf entwickelte?

Nach Gründung des Handarbeitskreises 1967 hatten die Frauen nur für Projekte innerhalb der Kirchengemeinde gespendet, das Friedensdorf kannten sie bis in die 90-er Jahre hauptsächlich aus Berichten. „So war es ein Schock“, erzählen sie, „als wir beim Besuch vor Ort die schwerwiegenden Verletzungen der Kinder sahen“. Die Hoffnung und Lebensfreude der Jungs und Mädchen sowie das Engagement der Ehrenamtlichen und die familiäre Atmosphäre überzeugte sie aber.  Seit 1992 kamen Basar-Erlöse alle zwei Jahre, seit 2011 komplett dem Friedensdorf zu Gute. „Dort fühlen wir uns, so wie im Handarbeitskreis, unter Freunden“, fasst Margret Severin die Beziehung des Kreises zum Friedensdorf zusammen.

Doch nun ist Schluss. Der Kreis richtet noch zwei Basare aus, jetzt im Winter und rund um Ostern  2018. Dann legen alle nach 50 Jahren professioneller Handarbeit die Fädeln, Kordeln und Nadeln zur Seite. Trotz aller Freude an ihren Häkeleien und Stickereien, an Zusammenhalt und Geselligkeit ist manches zu anstrengend geworden. Besonders die Organisation der Basare selbst und dann die zwei Tage am Stand, sagen die älteren Damen,  forderten ihnen etwas ab, das sie so nicht mehr leisten können.

Was bleibt? Mit Stolz können der Handarbeitskreis und seine Mitglieder vor dem November-Basar auf ein Lebenswerk zurückblicken. Magret Severin, die einzig verbliebene Mit-Gründerin, weiß, dass die Damen sich weiterhin bei Kaffee und Kuchen treffen werden, auch wenn es nicht mehr der Gesundheit der Friedensdorf-Kinder dient… „Ganz ohne Stricken wird es nicht funktionieren“, sagt sie. Dafür bereite alles zu viel Freude. Nach 50 Jahren bleibt die Gemeinschaft bestehen. Und das Gefühl, vielleicht auch mal etwas für sich selbst zu tun…

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