Toleranz geht durch den Magen

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Foto: Jakob Studnar

In der Küche des Friedensdorfes International

Jeder Fernsehsender, der auf sich hält, hat heutzutage mindestens eine Kochshow im Pro­gramm. Wenn Raissa Schneider in der Küche des Friedensdorfes steht, geht es nicht darum, ein verwöhntes Publikum mit ausgefallenen Gerichten und Tipps zum Nachkochen bei Laune zu halten. Mit ihrem Team sorgt sie in zwei Schichten dafür, dass die Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten schmackhafte und ausgewogene Mahlzeiten bekommen - dreimal am Tag, 365 Tage im Jahr.

Raissa ist eigentlich Grundschullehrerin. Bis zu ihrer Übersiedlung nach Deutschland 1998 übte sie diesen Beruf in Kasachstan mit Leidenschaft aus, und wenn es nach ihr gegangen wäre, würde sie noch heute Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen, ihnen zwischendurch die Nasen putzen, Streit schlichten und dafür Sorge tragen, den Kleinen den Weg in eine gute Zukunft zu bahnen. Doch leider ging es nicht nach ihr, denn in der neuen Heimat durfte sie ihren Beruf nicht ausüben.

2005 kam Raissa als Aushilfe in die Küche des Friedensdorfes. "Mein Mann arbeitete damals in der Dorfmeisterei", erinnert sie sich. "Als er mir erzählte, dass sie hier eine Küchenkraft suchen, habe ich mich gleich beworben." Aus dem Minijob wurde binnen kurzem eine Vollzeitstelle, und inzwischen leitet Raissa die Küche des Friedensdorfes. "Ich habe es noch an keinem Tag bereut, hier angefangen zu haben", sagt sie. "Ich sehe die Kinder im Dorf und freue mich, wie sie ihre schweren Verletzungen und Erkrankungen überwinden. Wir bereiten drei Mahlzeiten am Tag für sie, und das hilft ihnen, gesund zu werden. Für mich ist das eine erfüllende Aufgabe." Es ist auch eine schwierige Aufgabe. Die fängt schon bei der Beschaffung der Lebensmittel an. "Wir schwimmen nicht im Geld", sagt Hauswirtschafterin Ruth Siepmann, die Raissa bei Einkauf und Planung unterstützt. "Wir haben ein kleines Budget und müssen alle satt bekommen. Deshalb vergleichen wir genau und rechnen mit spitzem Bleistift." Raissa deutet auf einen Stapel mit Handelskatalogen auf dem Schreibtisch und ergänzt: "In der Sowjetunion habe ich gelernt, in Kopeken zu rechnen - das war keine schlechte Schule."

Der Taschenrechner liegt also immer griffbereit, denn angesichts der Mengen, die im Friedensdorf benötigt werden, machen sich Cent-Unterschiede beim Einkauf schnell bemerkbar. Zwischen 160 und 200 Kinder sind regelmäßig im Dorf untergebracht - das  macht 20 Kilo Nudeln für einmal Spaghetti. Fünf Cent Unterschied fürs Pfund ergeben zwei Euro allein für eine Mittagsbeilage.

 

 

       Foto: Hans van Ooyen

"Die Ehrenamtler, die uns jeden Tag in der Küche unterstützen, sind anfangs überrascht über die Mengen, die wir hier verarbeiten", sagt Ruth schmunzelnd. "Zu Hause kochen sie vielleicht mit ein, zwei Kilo Kartoffeln, aber bei uns sind es 50 Kilo für eine Mahlzeit." Raissa hält für neue Küchenhelfer einen pragmatischen Spruch aus Sowjetzeiten parat: "Die Augen haben Angst, aber die Hände tun es." Will sagen: Fangt einfach an, die Kartoffeln zu schälen, dann wird die Menge stetig kleiner.

Ohne die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die in den unterschiedlichsten Bereichen viele tausend Arbeitsstunden unentgeltlich leisten, gäbe es das Friedensdorf nicht. Ohne die Spenden von Unternehmen der Lebensmittelbranche könnten Raissa und Ruth mit noch so spitzem Bleistift rechnen - die Küche bliebe zwar nicht kalt, aber die Versorgung der Kinder wäre um ein vielfaches teurer. So kann das eingesparte Geld z.B. für die Projektarbeit in den Heimatländern der Kinder eingesetzt werden.

Foto: Jakob Studnar

Gerade wird eine Wagenladung Süßigkeiten angeliefert und gespendet: Schokoladentäfelchen, Gummibärchen in Tüten und Pralinenschächtelchen. Die Gummibärchen sortieren Raissa und Ruth allerdings aus. "Die Bärchen enthalten Gelatine", erklärt Ruth. "Von unseren Kindern stammen viele aus muslimischen Familien. Da ist Schwein tabu." Weil alle Kinder dasselbe bekommen, gibt es die Gummibärchen für keins von ihnen. Aber: Im Friedensdorf finden zahlreiche Seminare, Führungen und Teamsitzungen statt, und zudem gibt es die Wohngemeinschaft der Praktikanten - für den Inhalt der kleinen Tüten werden sich schon Abnehmer finden.

"Wir müssen sehr achtgeben, dass wir die Kinder gleich behandeln", erklärt Ruth und verdeutlich dies mit einer amüsanten Geschichte, die viel über den Zusammenhalt der Kinder aussagt: Vor einiger Zeit wurde bei den kleinsten Bewohnern des Friedensdorfes als Nachtisch ein Joghurt verteilt. Alle Kinder am Tisch bekamen Joghurt derselben Geschmacksrichtung, nur eines nicht, das hatte versehentlich einen Becher mit anderen Fruchtzusätzen erwischt. "Den Kindern ist der Unterschied aufgefallen, und sie haben sich geweigert, ihren Joghurt zu essen, bis ihr Tischnachbar auch den 'richtigen' Joghurt bekam."
Im Friedensdorf werden täglich große Mengen an Waschpulver und Hygienespüler verbraucht. Foto: Torsten Silz

Heute werden noch weitere Spenden angeliefert: Stiegen mit Brot und Backwaren, die ein Bäcker aus der Nachbarschaft des Friedensdorfes regelmäßig vorbeibringen lässt. Ein langjähriger Freund des Friedensdorfes und Obst- und Gemüsehändler aus dem Schwabenland liefert eine Fuhre Obst und Gemüse. Rindfleisch aus einem türkischen Fleischgroßhandel, dessen Eigentümer es als gläubiger Muslim als selbstverständlich ansieht, einen Teil seines Besitzes an Bedürftige zu spenden. Und zum Abschluss für heute liefert ein LKW eine halbe Wagenladung Zahnpasta, Seifen, Shampoos und Spülmittel an - auch die werden von Raissa und Ruth in den Regalen verstaut, denn die Küche ist auch für Beschaffung und Lagerung von Wasch- und Reinigungsmitteln zuständig. Allein in der Waschküche fallen jeden Tag 200 Kilo Wäsche an - man kann sich vorstellen, dass auch hier große Mengen benötigt werden.

Auf die Frage, an welchen Spenden besonderer Bedarf bestehe, antwortet Ruth: "Obst und Gemüse können wir immer gebrauchen, allerdings in großen Mengen." Und frisch muss die Ware sein, denn im Friedensdorf wird den Kindern keine Konservenkost serviert. "Einige Gemüsesorten sind anfänglich schwierig", schaltet Raissa sich ein. "Blumenkohl, Brokkoli oder Rosenkohl zum Beispiel kennen viele Kinder aus ihren Heimatländern nicht." Doch die Küchencrew hat längst einen Trick gefunden, um auch diese "schwierigen" Produkte nicht verderben zu lassen. "Die kommen klein geschnitten in die Suppen", sagt Raissa schmunzelnd. "Und Suppen essen die Kinder alle gern. Es ist ganz wichtig für die Kinder vitaminreiche Speisen zu kochen."

 

"Besonderer Bedarf besteht an Hautpflegemitteln", ergänzt Ruth noch, während sie sich schon auf den Weg zurück in die Küche begibt. "Viele unserer Kinder müssen jeden Tag eingecremt werden, und die Beschaffung der Hautcremes geht ziemlich ins Geld."

Auf dem Weg nach oben präsentiert Raissa noch schnell die vier Kühlräume, in denen leicht Verderbliches gelagert wird. In einem der Räume ist es bitter kalt - minus 22 Grad. "Sibirischer Frühling", kommentiert sie mit einem Augenzwinkern und schließt die Tür schnell wieder.

 

In der Küche trifft unterdessen Sladjana Markovic die letzten Vorbereitungen für das Mittagessen. Heute gibt es das Lieblingsgericht der Kinder im Friedensdorf: Spaghetti Bolognese. Schon vor ein paar Tagen hat ein Junge gefragt, wann es endlich wieder Spaghetti gäbe, und als Sladjana antwortete: "Mittwoch", wollte sich der Kleine damit noch nicht zufrieden geben. "Wie oft noch schlafen?" bohrte er nach und war beruhigt, als er zu hören bekam: "Viermal noch." Sladjana lacht und füllt dabei Spaghetti in den großen Kessel mit siedendem Wasser.

Gegenüber rührt Lamin Manjang derweil in der Pfanne mit Hackfleisch in Bolognesesoße. Wie Sladjana kocht der Mann aus Gambia mit Hingabe Seele für die Kinder des Friedensdorfes. "Vielleicht weinst du, wenn du einen Berg Zwiebeln schneiden musst", sagt er, "aber wenn du siehst, wie die Kinder gesund werden, Tag für Tag mehr, dann entschädigt dich das für alles." Es sind starke Gefühle, wenn die Kinder nach monatelangem Aufenthalt aus dem Friedensdorf verabschiedet werden. "Ich sehe, wie sie hier anfangs mühsam auf Krücken laufen, und wenn es dann zurück nach Hause geht, gehen sie ohne Gehhilfen. Diese Bilder zu sehen, ist der Lohn für meine Arbeit."

Ab und zu kocht der gebürtige Gambier Lamin Gerichte aus seiner Heimat, denn im Friedensdorf ist man darum bemüht, die Kleinen nicht ganz von der heimischen Küche zu entwöhnen. "Es sind viele Kinder aus Angola und Gambia hier", erklärt er. "Da kochen wir ab und zu Benachin, eine Mischung aus Reis, Fleisch und Tomatensoße, auch Eintöpfe wie Domodah und Base Nyebe, manchmal Fisch mit Reis." Und weil er die vielen Sprachen der Völker seiner Heimat beherrscht - also Mandinka, Fullfulde,

Foto: Hans van Ooyen

Wollof, Soninke oder Diola -, kommt Lamin zuweilen auch als Dolmetscher für die gambischen Kinder zum Einsatz. "Wenn sie hier ankommen, sprechen unsere Kinder nur ihre Heimatsprachen", erläutert er. "Sie lernen schnell, und so dauert es nicht lange, bis sie sich auf Deutsch verständigen können, aber in der ersten Zeit kann ich ihnen oft helfen."

Diese erste Zeit bedeutet für die Kinder aus Afghanistan, Usbekistan, Angola, Gambia, Tadschikistan und vielen weiteren Nationen eine große Umstellung. Fern von ihrer Heimat und insbesondere von ihren Eltern, Geschwistern und Freunden sind sie nicht nur mit ihren Schmerzen und ihren Ängsten allein, sie müssen auch all die fremden Dinge kennenlernen, die im reichen Deutschland zum Alltag gehören. Das fängt schon am Spülbecken an: Wenn der Hahn aufgedreht wird, fließt das Wasser ohne Unterlass heraus. Dann hören die Betreuer schon mal die Frage: "Wann zu Ende?" und blicken in staunende Augen, die nicht glauben können, dass dieser Brunnen nicht versiegt.

Eine ganz besondere Erfahrung muss es für die Neuankömmlinge sein, dreimal am Tag eine Mahlzeit zu bekommen - morgens ein Frühstück mit frischen Brötchen, Marmelade, Frischkäse, Butter, Joghurt, Tee und Kakao, mittags Salat, ein warmes Hauptgericht und eine Nachspeise, zum Abschluss des Tages ein sättigendes Abendbrot mit Milch und Tee, an Sonntagen sogar Eier, Nutella und Geflügelwurst. An jedem Tag satt zu sein, ist für viele Kinder im Friedensdorf ein völlig neues Gefühl. Da kann es schon mal vorkommen, dass die Neuen Brot, Eier, Salat in ihren Hosentaschen bunkern, weil sie noch nicht die Erfahrung gemacht haben, dass sie auch am nächsten Tag wieder bekommen werden, was schmeckt und satt macht.

"Wir hatten hier ein Kind", sagt Raissa, "das ist den Betreuern dadurch aufgefallen, dass es mit einer völlig durchnässten Hose vom Mittagessen kam." Dem Jungen hatte die Suppe gut geschmeckt, und weil er fürchtete, lange auf die nächste Mahlzeit warten zu müssen, hat er versucht, etwas davon in seinen Hosentaschen aus dem Speisesaal zu schmuggeln. Diese Episode mag belustigen - sie sagt tatsächlich eine Menge aus über die Lebenswirklichkeit der Kinder in ihren Heimatländern. "Ich muss immer wieder an diesen Jungen denken", sagt Raissa und schmeckt die Bolognese ab. "Ich denke jetzt immer zweimal nach, bevor ich zu Hause Lebensmittel in den Müll werfe."

In Zweierreihen gehen die Kinder 3 x täglich in den Speisesaal   Foto: Jakob Studnar

Die Erfahrungen im Friedensdorf prägen - die Köche, die Betreuer, die Ehrenamtler und natürlich die Kinder, die hier für einige Monate untergebracht sind. Das zeigt ein Blick in den Speisesaal, in dem sich die Kinder jetzt über ihr Lieblingsgericht hermachen. Mädchen und Jungen sitzen zwar an getrennten Tischen, aber ansonsten sind die Kinder aus den unterschiedlichen Kulturkreisen bunt gemischt. Afghanen, Tadschiken, Usbeken, Angolaner, Kirgisen, Gambier, Kambodschaner und Georgier  teilen sich die gemeinsame Mahlzeit und begreifen schon beim täglichen Essen, dass man gut miteinander auskommen kann, auch wenn man nicht denselben Glauben, dieselbe Sprache, dieselbe kulturelle Erfahrung teilt.

"Toleranz geht durch den Magen", meint Raissa. "Man kann mit anderen gut zusammenleben." Das ist eine Erfahrung, die die Kinder sicher nicht vergessen werden. "Vielleicht helfen wir so, dass es ein wenig friedlicher wird auf dieser Welt." Das Friedensdorf ist ein Ort des Friedens, auch wenn die Kinder hier oft unter Schmerzen leiden müssen. Alle, die im Friedensdorf mitwirken, hoffen darauf, dass die Saat des friedlichen Miteinanders aufgehen möge, wenn die Kinder in ihren Heimatländern zu Erwachsenen werden.

 

Dazu beizutragen, dass aus kranken und verletzten Kindern gesunde, friedliebende und tolerante Erwachsene werden, macht die Mitarbeiter des Küchenteams stolz. Den direkten Lohn ihrer täglichen Arbeit erhalten sie aber unmittelbar nach dem Essen: "Wenn die Kinder alles aufgegessen haben, haben wir einen guten Job gemacht", sagt Sladjana. "Sind die Teller leer, sind wir zufrieden."

Auch kennen die Kinder oftmals die „deutsche“ Zubereitung der Speisen nicht. Das fängt schon beim Reis an. In Deutschland isst man den am liebsten, wenn jedes einzelne Körnchen vom anderen getrennt ist. In Afghanistan dagegen, wo die Gerichte zumeist mit den Fingern zum Mund geführt werden, muss Reis klebrig sein. So etwas muss man wissen, wenn man für Kinder aus fremden Kulturen kocht. Auch, dass einige Kinder blähfreie Kost bekommen müssen, andere Schonkost und spezielle Diäten. Derzeit halten sich viele Kinder in den Krankenhäusern auf, die sich zu ihrer kostenlosen Behandlung bereit erklärt haben. Wenn diese Kinder zur Genesung ins Friedensdorf entlassen werden, müssen Raissa und ihre Mitarbeiter wissen, was man ihnen zu essen geben darf.

Immer wieder bedanken die Kinder sich bei den Mitarbeitern des Küchenteams für die schmackhaften Mahlzeiten. Manchmal malen sie Bilder als Dankeschön, und als Raissa im Krankenhaus war, haben sie ihr Karten geschrieben, damit sie schnell zurückkommt.

Eins aber kann die Küchencrew nicht ersetzen, und davon weiß Friedensdorf Mitarbeiterin Claudia Peppmüller zu berichten. Ein Kind, das zu einer erneuten Behandlung ins Friedensdorf kam, hat sie gefragt, ob es das Essen hier nicht vermisst habe. Der Junge gab zur Antwort: "Nein, ich habe doch meine Mama gehabt." Auch das beste Essen kann offensichtlich die Liebe der Eltern nicht ersetzen. Vielleicht versteht man nach so einer Aussage besser, was für die Kinder im Friedensdorf die Trennung von zu Hause wirklich bedeutet. (Text: Hans van Ooyen)

One Response

  1. Anne Below
    | Antworten

    Liebe Friedensdorfler, vielen vielen Dank für das grosse Engagement … Macht auf alle Fälle weiter so, ihr seht
    ihr werdet gebraucht Liebe Grüße an alle Anne

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