Neue Leitung im Friedensdorf

Birgit Stifter und Kevin Dahlbruch (Foto: Uli Preuss)

Das Leitungsteam stellt sich vor

Seit dem 1. Juli hat Friedensdorf International eine neue Leitung. Nach fast 40-jähriger Beschäftigung im Friedensdorf – davon zwei Jahrzehnte in Leitungsfunktion – hat Thomas Jacobs die Verantwortung in die Hände von Birgit Stifter und Kevin Dahlbruch übergeben. Bis zu ihrem Renteneintritt werden Thomas Jacobs und der stellvertretende Leiter Wolfgang Mertens dem neuen Leitungsteam beratend zur Seite stehen.

In den folgenden Interviews möchten wir Ihnen die neue „Doppelspitze“ genauer vorstellen.

 

Birgit Stifter, 49 Jahre aus Mülheim an der Ruhr

Wie kamen Sie ins Friedensdorf?

Nach dem Studium stand für mich fest, dass ich in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sein möchte. Bei meinen Recherchen bin ich auf Friedensdorf International gestoßen und habe mich direkt beworben.

 

Was war damals Ihre Aufgabe? Was gehört heute zu Ihren Aufgaben?

Zunächst habe ich unter anderem im Personalbereich gearbeitet. Seit 2004 bin ich für die Auslandsprojekte und Stiftungsangelegenheiten verantwortlich. Im Leitungsteam teilen wir nun die verschiedenen Aufgabenbereiche des Friedensdorfes auf. So übernehme ich die Verantwortung für die Projektarbeit, die Wirtschaftsbetriebe und das Friedensdorf Bildungswerk. Kevin Dahlbruch und ich möchten unsere Erfahrungen zukünftig bündeln, um gemeinsam die umfassende Hilfe für Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten zu meistern. Wir waren bereits in den verschiedenen Arbeitsbereichen im Friedensdorf gemeinsam tätig und kennen die Besonderheiten der Kinderhilfsorganisation. Ich denke, dass wir damit eine gute Grundlage für die neuen Tätigkeiten haben, die nun vor uns liegen.

 

Als Sie 2000 ins Friedensdorf kamen, wie schnell war Ihnen klar, dass Sie hier bleiben wollen?

Ich habe schnell festgestellt, dass das Friedensdorf für viele Menschen und auch für mich einzigartig ist und die vielfältigen Arbeitsbereiche Mitarbeitern sehr gute sowie interessante Möglichkeiten bieten. Für mich gibt es einfach nichts Vergleichbares.

 

Was nehmen Sie persönlich von der Arbeit im Friedensdorf mit? Hat es Sie verändert?

Der eigene Horizont verändert sich durch die Arbeit im Friedensdorf natürlich und die eigenen Probleme rücken in ein anderes Licht, vor allem wenn man auf die Kinder trifft. Auch ist mir immer deutlicher geworden, wie wichtig es ist, Werte wie Solidarität, Verantwortungsbewusstsein und Toleranz zu leben und zu schützen. Mit der Arbeit des Friedensdorf Bildungswerkes wollen wir uns weiterhin für diese Werte einsetzen und ein stärkeres Bewusstsein dafür wecken. Gerade erlebe ich in der Generation meiner Tochter, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen und sich für etwas einsetzen – zum Beispiel gegen Rassismus und den Klimawandel.

Birgit Stifter und der ehemalige Leiter Thomas Jacobs bei einem Kindergarten-Projekt in Kambodscha.

Sie waren im Rahmen unserer Projektarbeit in verschiedenen Ländern. Gibt es besondere Erlebnisse oder Eindrücke an die Sie sich erinnern?

Besonders beeindruckt hat mich immer die Offenheit der Menschen und das starke Vertrauen der Eltern, die uns ihre Kinder anvertrauen, damit sie eine Chance auf ein gesundes Leben haben. Ich finde es auch schön zu sehen, wie sich zwischen den verschiedenen Partnern in den Heimatländern der Kinder und dem Friedensdorf nicht nur eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, sondern auch Freundschaften entwickelt haben. Dies ist auch die Grundlage einer nachhaltigen Projektarbeit in den Ländern unserer Schützlinge. Dazu gehört vor allem der Einschätzung unserer Projektpartner zu vertrauen. Sie sind die Fachleute vor Ort, die einen realistischen Blick auf die Notwendigkeiten und auch Umsetzbarkeit einzelner Projekte haben. So konnten wir gemeinsam schon viele langfristige Projekte auf den Weg bringen.

 

Was motiviert Sie sich den vielen Herausforderungen zu stellen, die diese Arbeit mit sich bringt?

Allein die Geschichte des Friedensdorfes zeigt mir, dass man an Herausforderungen wachsen kann. Wir sind ein gutes Team im Friedensdorf, das auch in Zukunft immer Wege finden wird, sich übergreifend für eine bessere medizinische Versorgung von Kindern weltweit einzusetzen. Das ist Motivation genug.

 

Welche Aufgaben erwartet die neue Leitung des Friedensdorfes?

Als Leitung müssen wir den Satzungsauftrag des Friedensdorfes bestmöglich und trotz des gesellschaftlichen Wandels durchführen. Eine große Herausforderung wird dabei u.a. die Freibetten-Problematik sein. Darauf haben wir schon mit dem aktuellen Neubau des Operations- und Rehabilitationszentrums reagiert, da dieser die Krankenhäuser entlasten und eine effizientere Kooperation ermöglichen soll. Eine weitere Veränderung, die uns wahrscheinlich vermehrt beschäftigen wird, ist die Situation bei den Kleiderspenden. Es gibt zwar eine anhaltend hohe Spendenbereitschaft, aber die Qualität der Kleidung nimmt ab. Die schnelllebige Mode ist leider oft schlechter verarbeitet und daher häufig in keinem guten Zustand mehr. Leider mussten wir in letzter Zeit auch erleben, dass Menschen unsere Kleidersammelcontainer für die Müllentsorgung benutzen. Die größte übergreifende Herausforderung ist meines Erachtens das Übereinbringen der Geschichte und der Aufgaben des Friedensdorfes mit den fortwährenden gesellschaftlichen Veränderungen.

 

Friedensdorf International gibt es bereits seit 52 Jahren. Was bedeutet das Friedensdorf für Sie?

Friedensdorf bedeutet für mich „an einem Strang ziehen“ und „menschlich sein“. Für mich bedeutet diese Arbeit aber auch, dass ich hier die Chance habe mit meinem eigenen Handeln Zufriedenheit zu erleben. Es gibt hier viele schöne oder besondere Momente, die ich woanders wahrscheinlich nicht erlebt hätte.

 

Was wünschen Sie dem Friedensdorf für die Zukunft?

Ich wünsche mir für das Friedensdorf viele Freunde und Mitstreiter – Menschen, die bereit sind im Namen der Kinder diesen Weg mit uns zu gehen.

 

Kevin Dahlbruch, 38 Jahre aus Essen

Wie kamen Sie ins Friedensdorf?

Ich kam 2000 als „Zivi“ ins Friedensdorf. Obwohl ich gebürtig aus Oberhausen komme und sich mein Elternhaus in direkter Nähe befindet, kannte ich das Friedensdorf vorher nicht. Meine Mutter gab mir damals den Tipp meinen Zivildienst dort zu absolvieren.

 

Was war damals Ihre Aufgabe? Was gehört heute zu Ihren Aufgaben?

Da ich damals Lehrer werden wollte, fing ich im August 2000 zunächst im Friedensdorf Bildungswerk meinen Zivildienst an. Nach kurzer Zeit habe ich schnell festgestellt, wie sehr mir die Arbeit gefällt. Als ich nach Beendigung des Zivildienstes gefragt wurde, ob ich nicht ehrenamtlich im Heimbereich aushelfen möchte, habe ich daher nicht lange gezögert. Während meines Lehramt-Studiums habe ich dann weiter im Friedensdorf unterstützt und irgendwann festgestellt, dass ich dort mehr Zeit als in der Uni verbringe und eigentlich gar kein Lehrer mehr werden möchte. Ich habe dann zu Sozialwissenschaften gewechselt. Nach Abschluss des Studiums habe ich 2007 hauptamtlich bei Friedensdorf International angefangen. In den ersten zwei Jahren habe ich in verschiedenen Abteilungen gearbeitet – unter anderem in der Buchhaltung, beim Konsulardienst, in der Lagerhalle, im Reha-Bereich, in der Küche und beim Fahrdienst. Die verschiedenen Bereiche kennenzulernen war sehr hilfreich und eine wertvolle Erfahrung. Ich erinnere mich auch noch sehr gut an meinen ersten Hilfsflug. 2002 flog ich mit dem damaligen Friedensdorf-Leiter Ronald Gegenfurtner nach Angola. Das hat mich sehr beeindruckt und danach begleitete ich ihn regelmäßig auf allen Angola-Charterflügen, bis ich 2008 auch das erste Mal mit in den Afghanistan-Einsatz flog. Nach dem Tod von Ronald Gegenfurtner 2009 und der Übernahme der Leitung durch Thomas Jacobs übernahm ich 2010 die stellvertretende Leitung. Hiermit übernahm ich auch die Betreuung unserer Freiwilligen im Ehrenamt oder Praktikum, was mir stets viel Freude bereitet hat. Seit dem 1. Juli 2019 teilen Birgit Stifter und ich uns die verschiedenen Aufgabenbereiche. So bin ich für die medizinische Einzelfallhilfe, sprich unsere Schützlinge in den bundesweiten Kliniken wie in der Heim- und Reha-Einrichtung verantwortlich.

 

Als Sie 2000 ins Friedensdorf kamen, wie schnell war Ihnen klar, dass Sie hier bleiben wollen?

Tief beeindruckt hat mich mein erster Angola-Hilfseinsatz. Danach war mir klar, dass ich das unbedingt weitermachen möchte. Mir gefällt die Kontinuität der Hilfseinsätze, denn das Friedensdorf hilft so lange, wie es nötig ist – auch in „vergessenen“ Kriegs- und Krisengebieten, die nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Auch die offene Auseinandersetzung des Friedensdorfes mit seiner eigenen jahrzehntelangen Vereinsgeschichte, in der es ja auch Rückschläge gab, hat mich damals schon als Zivi beeindruckt. Bis heute fasziniert mich auch der interessante Mix an Menschen, die man im Friedensdorf trifft. Ob Ehrenamtler, Praktikanten, Mitarbeiter, japanische Volontäre oder die Partner aus den Heimatländern der Kinder – alle wollen gemeinsam den Kindern helfen.

 

Was nehmen Sie persönlich von der Arbeit im Friedensdorf mit? Hat es Sie verändert?

Der Blick auf das Leben in Deutschland und die eigenen „Probleme“ verändert sich natürlich durch die Arbeit im Friedensdorf. Zudem begegne ich durch die Arbeit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, Gesellschaftsschichten sowie Altersgruppen und erhalte dadurch Einblicke, die mein Leben bereichern.

Sie leiten die Hilfsflüge des Friedensdorfes. Was berührt oder beeindruckt Sie dabei besonders?

Ich erinnere mich gerne an Henrique – einen Jungen aus Angola. Henrique hatte eine sehr schwere Knochenentzündung und war unser „Sorgenkind“. Doch nach sechs Monaten konnte er gesund und laufend nach Hause zurückkehren. Auch die Eltern konnten es kaum glauben. Das war ein tolles Erlebnis. Besonders schön sind auch die Momente, wenn wir auf ehemalige Patienten treffen. Beim letzten Usbekistan-Hilfseinsatz im April haben wir beispielsweise ein ehemaliges Friedensdorf-Kind getroffen. Inoyatulla ist heute Assistenzarzt und kann als Mediziner nun in seiner Heimat helfen.

 

Was motiviert Sie sich den vielen Herausforderungen zu stellen, die diese Arbeit mit sich bringt?

Ganz klar: Die Kinder und deren Genesung. Es gibt so viele tolle Geschichten, wie „unsere“ Krankenhäuser hier in Deutschland unglaubliche Behandlungsergebnisse erzielen und den Kindern damit die Chance auf ein gesundes Leben schenken. Auch der starke Wille der Kinder beim Gesundwerden selbst mitzuhelfen, ist sehr motivierend.

Kevin Dahlbruch bei einem Hilfseinsatz in Tadschikistan.

Welche Aufgaben erwartet die neue Leitung des Friedensdorfes?

In unserer Satzung steht, dass kranken und verletzten Kindern in Kriegs- und Krisengebieten „schnelle und unbürokratische Hilfe“ gewährt werden soll. Das ist definitiv schwieriger geworden, weil die Abläufe in Behörden – nicht nur in Deutschland – viel bürokratischer und komplexer sind als noch vor ein paar Jahren – auch wenn wir von vielen Behörden Unterstützung bzw. Anerkennung erfahren. Eine Kernherausforderung werden zudem die Veränderungen der Krankenhauslandschaft und die damit verbundene Freibetten-Problematik sein. Die medizinische Einzelfallhilfe soll mit aller Kraft erhalten bleiben, denn bei jedem Einsatz stellen wir fest, dass es viele kleine Patienten gibt, die eine Behandlung in Deutschland dringend benötigen. Als Leitung müssen wir den Blick öffnen für verschiedene Ansätze, um dies möglich zu machen. Dabei setzen Birgit Stifter und ich auch auf unser gut funktionierendes Team. Eine besondere Herausforderung wird auch die Inbetriebnahme des Operationszentrums sein. Es ist faszinierend zu sehen, wie viele Menschen – insbesondere auch Mediziner – uns bereits in der Ideenentwicklung unterstützten.

 

Friedensdorf International gibt es bereits seit 52 Jahren. Was bedeutet das Friedensdorf für Sie?

Zunächst ist es erschreckend, dass es eine Einrichtung wie das Friedensdorf überhaupt geben muss und es auch nach 52 Jahren immer noch so viele Kinder gibt, die unsere Hilfe benötigen. 52 Jahre Friedensdorf bedeutet aber auch, dass wir auf über fünf Jahrzehnte Wissen und Erfahrungen zurückgreifen können. Denn die Geschichte des Friedensdorfes – sowohl die Fehler als auch die Erfolge – wurde immer weitergegeben und offen thematisiert.

 

Was wünschen Sie dem Friedensdorf in Zukunft?

Ich wünsche mir, dass das Friedensdorf weiterhin so viele Menschen bei unserer Hilfe für Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten unterstützen. Langfristig würde ich mir wünschen, dass wir mehr Kindern durch unsere Projektarbeit eine medizinische Behandlung in der Heimat ermöglichen können. Dies ist jedoch durch die Gegebenheiten vor Ort leider nur begrenzt möglich. Besonders schön, wäre es natürlich, wenn unsere Hilfe irgendwann nicht mehr nötig wäre.

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