Statement zum Antikriegstag 2019

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Über Gedenken, Menschenfeindlichkeit und die Frage nach Schuld

Heute jährt sich zum 80. Mal der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen 1939, der Ausgangspunkt für einen Krieg mit dem eines der grausamsten Verbrechen an der Menschlichkeit einherging. Anlässlich dessen wird in Deutschland jedes Jahr zum 1. September der Antikriegstag ausgerichtet. An diesem Tag geht es darum, aus der Zeit der verhängnisvollen Ideologie des Nationalsozialismus zu lernen, sie zu hinterfragen und ihre Ursachen zu reflektieren. Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, müssen wir versuchen die Menschen gemessen an der damaligen Zeit, ihren Überzeugungen, ihrem Handeln und den äußeren Bedienungen genauer zu betrachten.

Voraussetzung hierfür ist eine intakte Erinnerungs- und Gedenkkultur – eine Art des Aufarbeitens, die in unserer heutigen Gesellschaft nicht selten missverstanden oder gar demagogisch verwendet wird. Von den rechtspopulistischen Parteien wird hierbei oft der Begriff des „Schuldkult“ aufgegriffen, wonach den Folgegenerationen in Deutschland die Schuld für die Grausamkeiten der NS-Zeit „auferlegt“ würden. Dass es jedoch beim Gedenken nicht um Schuld, sondern um die Übernahme der Verantwortung eines jeden Einzelnen geht – ganz egal welcher ethnischer oder religiöser Herkunft – wird dabei völlig aus dem Blick verloren. Somit verschwimmt vermeintlich die Grenze zwischen Verantwortung und Schuldigkeit.

Nicht nur im Hinblick auf die Erinnerungskultur werden wir mit der vermeintlichen „Frage nach Schuld“ konfrontiert, denn gerade in politischen Diskussionen wird diese Frage immer wieder instrumentalisiert. Noch vor kurzem konnten wir beobachten, wie die ethnische Herkunft, Kriminalität und die Schuldfrage in einen gefährlichen Zusammenhang gebracht werden: im Juli erreichte uns die verstörende Nachricht über ein Verbrechen an einem unschuldigen Jungen, der vor einen einfahrenden Zug gestoßen wurde – eine Tat, die vermutlich bei jedem von uns den Glauben an die Sicherheit im Alltag erschaudern ließ. Es dauerte nicht lange und die mediale Diskussion drehte sich nicht mehr um die unvorstellbar sinnlose und schreckliche Tat eines Menschen, sondern um die „skrupellose Tat eines Eritreer“. So bildet sich ein fruchtbarer Nährboden für Vorurteile und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, wie vor allem in den sozialen Medien deutlich zu sehen war und ist. Solche Schuldzuweisungen schaffen eine Ungleichwertigkeit zwischen Menschen und werfen uns in alarmierende Muster der Vergangenheit zurück.

Glücklicherweise können wir in Deutschland behaupten, in Frieden zu leben – was zumindest dann zutrifft, wenn wir Frieden als einen Zustand hinnehmen, bei dem die bloße Abwesenheit von Krieg beschrieben wird. Aber sollte das der Anspruch sein, den wir an eine demokratische und friedliche Gesellschaft haben?

In über 52 Jahren unserer Arbeit haben wir festgestellt, dass so viel mehr hinter dem Begriff des Friedens steht: wir müssen ihn weniger als Zustand und mehr als einen kontinuierlichen Prozess verstehen, bei dem es darum geht einen angemessen Raum für demokratische Werte, Toleranz, soziale Gerechtigkeit und die Fähigkeit zum konstruktiven Dialog zu schaffen. Kurzum braucht es als Grundlage hierfür vor allem eins: die Übernahme von Verantwortung jedes Einzelnen.

Wir sollten genau jetzt versuchen, gemessen an unserer heutigen Zeit, den verbreiteten Überzeugungen und den äußeren Einflüssen zu verstehen, welche Konsequenzen unsere Werte und Einstellungen auf die Zukunft von morgen haben können. Der wahrhaftig einzige Vorteil, den die gesamte Welt durch die NS-Zeit und weiteren grausamen Kriegen gewonnen hat ist, dass wir die Erfahrung einer schier grenzenlosen Menschenverachtung bereits erlebt haben und ihren ideellen Ursprung nun kennen.

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