Tadschikistan

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Für das Land an der Seidenstraße ist die Friedensdorf-Hilfe seit 25 Jahren unerlässlich

Im Juni ging es für die Friedensdorf-Mitarbeiter Kevin Dahlbruch, Claudia Peppmüller und Eva Kammhuber zu einer Projektreise nach Tadschikistan. Bei der Reise ging es um die Hilfsprojekte der Partnerorganisation vor Ort, aber auch um die Kinder, die im August zur medizinischen Behandlung nach Deutschland gekommen sind. Das eigene Hilfsprojekt, bei dem Friedensdorf International unter anderem im Jahr 2016 einen Physiotherapie-Raum finanzierte, konnte ebenfalls begutachtet werden. Dort werden bis heute Kinder mit körperlichen Behinderungen therapiert und mobilisiert.

 

Tadschikistan ist ein Hochgebirgsland, das von Afghanistan, China, Kirgistan sowie Usbekistan umgeben ist und zu den ärmsten Regionen Zentralasiens gehört. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeitserklärung 1991 stürzte Tadschikistan in eine tiefe Krise.

Die Wirtschaft brach massiv ein und das Land wurde von einem Bürgerkrieg erschüttert, dem viele Menschen zum Opfer fielen. Der Bürgerkrieg ist zwar seit 1997 beendet, doch noch immer leidet die Bevölkerung unter den Folgen.

Von den fast neun Millionen Einwohnern leben die meisten Menschen in ländlichen Gebieten und arbeiten in der Landwirtschaft. Da das Land jedoch überwiegend aus Gebirge besteht, sind nur rund sieben Prozent der Flächen dafür geeignet. Darüber hinaus kann wegen der Höhenlage der größte Teil nur für Viehwirtschaft – insbesondere die Schafhaltung und den Anbau von Baumwolle – genutzt werden. Ein Großteil der Lebensmittel wird daher importiert und ist entsprechend teuer.

Gesundheitsversorgung

Dr. Aziza Khon Kasymova bei der Kindervorstellung in Kuljab

Die Unabhängigkeit von der Sowjetunion und der nachfolgende Bürgerkrieg haben sich auf die Gesundheitsversorgung in Tadschikistan negativ ausgewirkt. Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte das Land eine gute medizinische Infrastruktur. Nach dem Bürgerkrieg lag ein großer Teil dieser Infrastruktur in Trümmern. Darüber hinaus fiel die in der Sowjetunion übliche kostenlose Gesundheitsversorgung weg. Während des Hilfseinsatzes für Afghanistan, Zentralasien und den Kaukasus im August 2019 berichtete uns Dr. Aziza Khon Kasymova, die seit zwei Jahren als Ärztin bei der tadschikischen Partnerorganisation arbeitet, von den Bedingungen im Gesundheitssektor in Tadschikistan:

„Bevor ich bei „Dechkadai Sulh Derewnja Mira“ angefangen habe, arbeitete ich als Neurologin in einer Poliklinik. Dort habe ich umgerechnet 70 Euro im Monat verdient. Ein großes Problem in Tadschikistan ist der Ärztemangel, da viele meiner Kollegen ins Ausland – insbesondere nach Russland – gehen. Ärzte verdienen hier nicht genug – viele müssen zusätzlich arbeiten, um ihre Familien ernähren zu können. Außerdem fehlt es vielerorts an Medikamenten sowie Verbandsmaterialien und die medizinischen Geräte sind oft veraltet. Die meisten Untersuchungen oder Behandlungen sind nur in der Hauptstadt Duschanbe möglich. In Tadschikistan müssen alle Behandlungen und Medikamente sowie die Unterbringung im Krankenhaus von den Menschen selbst bezahlt werden. Auch das Essen muss mitgebracht werden und die Familienmitglieder übernehmen die Pflege der Kranken. Für Familien mit geringem Einkommen – und das ist bei den meisten Tadschiken der Fall – ist es eigentlich unmöglich das alles zu bezahlen. Allein ein Blutbild kostet beispielsweise 20 Euro. Viele Tadschiken gehen daher gar nicht erst zum Arzt oder in ein Krankenhaus, wenn sie krank werden.“

Aufgrund der ungenügenden Gesundheitsversorgung ist die Friedensdorf-Hilfe dringend notwendig. Bereits seit 1994 kommen kranke und verletzte Kinder aus Tadschikistan zur medizinischen Versorgung nach Deutschland. Seit 2005 arbeitet Friedensdorf International mit der Partnerorganisation „Dechkadai Sulh Derewnja Mira“ (übersetzt: Friedensdorf) zusammen. Rund 200 Kinder wurden dem Friedensdorf-Team im Juni in verschiedenen Städten vorgestellt. Viele Kinder werden mit erheblichen Verbrennungen vorgestellt, die teilweise schon Monate oder auch Jahre zurückliegen. Warum solche Verbrennungen entstehen, verdeutlicht, dass die Lebensbedingungen wahrlich keine leichten sind. „Vor allem in den ländlichen Regionen werden die Häuser noch aus Lehmsteinen selbstgebaut – gekocht und gebacken wird fast nur mit holz- oder gasbetriebenen Öfen. Aufgrund dieser Öfen erleiden viele Kinder Verbrennungen. Wir staunten auch nicht schlecht als wir hörten, dass im bitterkalten Winter die Menschen in vielen Häusern unter dem Esstisch ein kleines Feuer entfachen, um die Füße zu wärmen“, berichtete das Friedensdorf-Team nach seiner Rückkehr. Trotz der allgegenwärtigen Armut und dem harten Alltag, den die Familien bestreiten müssen, erlebte das Team während seiner Reise immer wieder die Gastfreundschaft und den starken Zusammenhalt der Menschen. „Die Solidarität in der Gemeinschaft ist groß, denn ohne geht es nicht. Obwohl die Leute wenig haben, teilen sie gerne und unterstützen sich, wo sie können“, erklärt Dr. Aziza Khon Kasymova.

Zu den Kindervorstellungen kommen auch immer wieder Eltern, deren Kinder geistige oder körperliche Behinderungen haben. Besonders berührend war für das Friedensdorf-Team die Begegnung mit einem körperbehinderten Jungen in Duschanbe, der sich während des Gespräches lautstark zu Wort meldete und verkündete, dass er später einmal der neue Zoodirektor in Duschanbe sein wird. Seine Zielstrebigkeit hat ihnen vor Augen geführt, dass auch die kleinen Patienten ihre eigenen Pläne schmieden und nie die Hoffnung sowie ihre Lebensfreude verlieren. „Die betroffenen Eltern hoffen natürlich, dass eine Operation in Deutschland ihre Kinder heilen kann, aber diese Hoffnung können wir leider nicht erfüllen. Daher ist es uns sehr wichtig, gemeinsam mit unserem Partner die Familien aufzuklären, dass ihre Kinder ein Leben lang auf ihre liebevolle Pflege angewiesen sein werden und es im Land Organisationen gibt, die sie dabei unterstützen können“, so Friedensdorf-Leiter Kevin Dahlbruch.

Kindervorstellung in Jaihun

Für diese Familien, in denen jedes Mitglied kräftig mitarbeiten muss, werden Kinder mit Behinderungen zu einer zusätzlichen Belastung. Denn in Deutschland ist die Förderung dieser Kinder und die Unterstützung betroffener Familien inzwischen selbstverständlich – in Tadschikistan nicht. Der tadschikische Staat bietet hier keinerlei Unterstützung. Die wenigen Hilfsprojekte werden ausschließlich von ausländischen NGOs getragen. Im Rahmen der Projektreise besuchte das Friedensdorf-Team unter anderem den kleinen Ort Kuljab im Pandschgebirge. Dort kooperiert unser tadschikischer Partner, beispielsweise in Verbindung mit der Lebensmittel-Paketaktion der vergangenen Jahre, mit der Organisation „Sarschidabonu“. „Bei unserem Besuch der Einrichtung waren wir sehr beeindruckt und haben gesehen, dass sich die Organisation hier mit einfachen Mitteln und viel Hingabe um die Förderung von geistig und körperlich eingeschränkten Kindern kümmert“, so das Friedensdorf-Team.

Eine mögliche Ursache für die hohe Anzahl der behinderten Kinder liegt sicherlich auch an der mangelhaften Versorgung von schwangeren Frauen in Tadschikistan. Viele haben kein Geld, um sich Vorsorgeuntersuchungen oder eine hebammenbegleitete Geburt in einem Krankenhaus leisten zu können. Für schwangere Frauen in ländlichen Gebieten ist zudem der Weg in die nächstgelegene Entbindungsklinik oft zu weit. Daher kommen viele Kinder zu Hause mit der Hilfe von Dorfhebammen oder älteren Frauen der Dorfgemeinschaft zur Welt. Aber auch die Armut und das damit verbundene harte Leben tragen dazu bei, dass Schwangerschaften nicht immer unkompliziert verlaufen oder das ungeborene Kind nicht richtig versorgt wird. „Viele Frauen leiden aufgrund einer unzureichenden Ernährung unter Eisenmangel. Da Milchprodukte, Fisch und Fleisch sehr teuer sind, kommen sie selten auf dem Speiseplan vor. Die schwere Arbeit auf den Feldern – die ohne technische Hilfsmittel erledigt werden muss – oder im Haushalt, in dem auf engstem Raum viele Generationen miteinander leben, tut ihr übriges“, erklärt Dr. Aziza Khon Kasymova. Ein großes Problem in Tadschikistan ist die Tatsache, dass viele Männer ins Ausland ziehen, weil sie in ihrer Heimat keine Arbeit finden. Oft gehen sie nach Russland oder Kasachstan, um dort unter schlimmen Bedingungen für einen Hungerlohn zu arbeiten. „Dies bringt vor allem Probleme für die Ehefrauen, die oftmals alleine mit mehreren Kindern zurückbleiben und kaum Jobmöglichkeiten haben. Denn viele der Männer lassen sich aus der Ferne scheiden“, erzählt Dr. Aziza Khon Kasymova.

Die Wiedersehensfreude der genesenen Kinder und ihrer Familien war groß

Während der Projektreise traf das Friedensdorf-Team auch auf ehemalige Schützlinge wie Nigora. Heute ist die junge Frau mit einem Catering-Service selbständig und hilft seit Jahren regelmäßig bei den Kindervorstellungen in Tadschikistan mit. Darüber hinaus möchte sie auch eigene Hilfsprojekte für tadschikische Kinder auf die Beine stellen. „Es ist immer wieder beeindruckend  zu sehen, wie die ehemaligen Friedensdorf-Patienten heranwachsen und kranke und verletzte Kinder in ihrem Land nicht vergessen. Nigora gibt die Hilfe weiter, die sie selbst durch das Friedensdorf erfahren hat“, berichtete Friedensdorf-Mitarbeiterin Eva Kammhuber.

 

Paketaktion für Tadschikistan

 

Nigora erzählte bei Ihrer Begegnung mit dem Friedensdorf-Team in Tadschikistan auch, dass sie sich sehr freut, dass die Paketaktion „Hilfe wird gepackt“ in diesem Jahr stattfindet, denn sie hilft vielen bedürftigen Menschen und Einrichtungen über den harten Winter. Im letzten Jahr konnte die traditionelle Hilfsaktion für bedürftige Menschen im Kaukasus und Zentralasien leider nicht stattfinden, da in den vergangenen Jahren die Zollbestimmungen in Georgien sowie Armenien immer restriktiver wurden und unser tadschikischer Partner die insgesamt 80 Tonnen Hilfsgüter nicht alleine stemmen konnte.

 

Nigora, warum ist die Paketaktion so wichtig für die tadschikische Bevölkerung?

Die Paketaktion ist so wichtig für Tadschikistan, weil die Armut sehr groß ist und die Lebensmittel den Menschen über den sehr kalten Winter helfen. Wenn sie die Pakete öffnen, ist die Freude immer groß und sie sind unendlich dankbar für die vielen tollen Sachen. Daher freuen wir uns sehr, dass die Paketaktion in diesem Jahr wieder stattfindet.

Worüber freuen sich die Menschen besonders?

Beispielsweise sind Fisch und Fleisch sehr teuer in Tadschikistan. 1 Kilo Rindfleisch kostet 4 Euro – für eine tadschikische Familie ist das ein Vermögen. Daher freuen sie sich sehr über Fisch- und Fleischkonserven. Sehr beliebt ist auch Schokolade, weil es in unserem Land etwas sehr besonderes ist und für die meisten unerschwinglich. Die Menschen freuen sich aber auch sehr über Zahnpasta in den Paketen. Zwar können wir Zahnpasta in Tadschikistan kaufen, aber diese ist sehr teuer und die meisten können sich das leider nicht leisten.

Kindervorstellung in Kuljab

Paketaktion „Hilfe wird gepackt“

Die Pakete gelangen dorthin, wo sie am dringendsten benötigt werden: Sie werden an kinderreiche Familien, in Waisenhäusern und in Einrichtungen für Kinder mit Behinderung verteilt. Unsere Partner sorgen für die gewissenhafte Verwendung vor Ort. Die Standardkartons mit notwendigem Zubehör erhalten Sie gegen Erstattung der Selbstkosten in Höhe von vier Euro in der Zentralstelle (Lanterstr. 21,46539 Dinslaken), in Friedas Welt (Buchenweg 10, 46147 Oberhausen) und in den Interläden (Lothringer Str. 21, 46045 Oberhausen, Steinbrinkstr. 207, 46145 Oberhausen). Die von Ihnen gepackten Pakete geben Sie bitte bis spätestens 24.11.2019 ab.

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