Unser Einsatzteam berichtet aus Afghanistan

Seit Anfang Januar befinden sich Friedensdorf-Leiter Kevin Dahlbruch und Friedensdorf-Mitarbeiterin Eva Kammhuber im 81. Afghanistan-Hilfseinsatz. Hier schildern sie ihre Erlebnisse vor Ort:

Kabul, 12.01.2020

Medizinische Versorgung in Afghanistan katastrophal

Hallo Deutschland,

seit 5 Tagen sind wir in Kabul, unter strahlend blauem Himmel glitzert der Schnee in der Sonne - eigentlich richtig idyllisch hier, wären da nicht die über 300 z.T schwerverletzten und erkrankten Kinder, die uns in den letzten Tagen vorgestellt wurden.

Ein Vater war mit seinem Sohn aus der Provinz Oruzghan mit dem Auto nach Kabul unterwegs, um ihn zum Roten Halbmond, der afghanischen Partnerorganisation von Friedensdorf International zu bringen. Eine beschwerliche Reise, für die fast 400 km brauchte er 18 Tage, denn die ohnehin schlechten Straßen waren entweder wegen der Schneemassen oder aufgrund der Kampfhandlungen zwischen Regierungstruppen und Taliban nicht täglich passierbar. So musste die Familie immer wieder in Dörfern übernachten und hoffen, dass sie die Reise am nächsten Tag fortsetzen können. Doch sie sind in Kabul angekommen, der Junge hat eine schwere Knochenentzündung und wir werden ihn mit nach Deutschland nehmen.

Leider hat sich die medizinische Versorgung für Kinder aus finanziell bedürftigen Familien noch verschlechtert. Seit Ende Dezember ist das Indira Gandhi Kinderkrankenhaus in Kabul nicht mehr in Betrieb. Mitte Dezember wurde ein Chefarzt der Klinik abends auf dem Heimweg von Männern in Militäruniform entführt. Bis heute fehlt von ihm jede Spur, eine Lösegeldforderung wurde nicht gestellt. Aus Solidarität mit ihrem Kollegen und um die Regierung zum Handeln zu bewegen, trat das gesamte Krankenhauspersonal in Streik und die Klinik wurde geschlossen. So konnten wir Kinder mit leichteren Verletzungen nicht mehr wie früher an die Kinderklinik verweisen.

Ein anderes Kind, vor zwei Jahren bei einer Gasexplosion schwerverletzt, wurde im Polizeikrankenhaus behandelt. Der rechte Oberarm wurde amputiert, beide Beine mehrfach operiert, das rechte Bein mittels eines Fixateurs stabilisiert. Doch leider ist nun die Hüfte massiv beschädigt. Als der Junge auf einer Holzliege ins Büro getragen wurde, konnten wir nur noch staunen. Der Vater war kurz nach der Geburt der kleinen Schwester des Jungen gestorben. Seitdem kümmert sich die Mutter um Alles, sie versorgte den Jungen im Krankenhaus und mobilisierte die Nachbarn, um ihren Sohn in unser Büro zu bringen. Kein Jammern, kein Wehklagen, sondern voller Zuversicht und Lebensmut erzählte sie uns ihre Geschichte, während ihre kleine Tochter mit Allen im Raum schäkerte und zwischendurch den großen Bruder auf der Liege zwickte.

Erschreckend ist, dass die armen Familien in der Hoffnung auf Hilfe für ihre Kinder gnadenlos ausgenommen werden. Ob in Afghanistan oder Pakistan, oft zahlen sie für minimale Behandlungen ohne Erfolg und radiologische Untersuchungen viel zu viel Geld, das sie sich meist mühsam geliehen haben.

Leider mussten wir viele Kinder mit z.T. schweren Knochenentzündungen und Narbenkontrakturen nach Verbrennungen auf den nächsten Einsatz im August vertrösten, da in Deutschland nur eine begrenzte Anzahl an Kliniken die Kinder auf eigene Kosten behandeln. Wir können nur an alle Kliniken appellieren zu überlegen, ob sie nicht auch Kinder behandeln können. Diese Kinder haben ohne Hilfe aus Deutschland keine Chance!

Euer Einsatzteam

Neues aus Kabul jenseits der gängigen Medienberichterstattung, Kabul 11.02.2020

Hallo Deutschland,

seit gestern sind wir wieder in Kabul und hören was die Menschen hier aktuell beschäftigt. So warten sie seit den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Herbst auf das Ergebnis und hoffen vielleicht im März, wenn nach afghanischer Zeitrechnung das Neue Jahr 1399 beginnt, zu wissen wer künftig ihr Land regieren wird. Mutmaßungen gibt es viele, doch letzten Endes glaube hier niemand an bedeutsame Veränderungen. „Egal wer gewinnt, die Konkurrenten werden das Ergebnis nie akzeptieren und den Sieger mit allen Mitteln bekämpfen“, dies hören wir resigniert von allen Seiten. Doch die Menschen sehnen sich nach Stabilität und Ruhe, denn niemand und nichts ist in Kabul mehr sicher. Fahrgäste werden in Taxis ausgeraubt, Passanten wegen eines Handys auf offener Straße erschossen, Stromleitungen gekappt und Straßenlaternen geklaut. Einer unserer Partner, dessen Auto kaum mehr fahrtüchtig ist, wird sich kein Besseres zulegen, denn er würde sich dadurch nur in Gefahr bringen. Der Bevölkerung würde inzwischen geraten sich selbst mit Waffen zu schützen.

Neben der Kriminalität versuchen die Menschen hier irgendwie mit der Eiseskälte umzugehen. Vor drei Wochen noch wurden die Gaspreise um 100% erhöht, ein Schlag ins Gesicht all derer, die täglich ums Überleben kämpfen, denn mit Gas wird gekocht und geheizt. Jetzt sind die Preise glücklicherweise wieder um 50% gesunken, da, wie makaber es auch klingen mag, der Gasimport aus China wegen des Coronavirus gestoppt wurde und Gas aus Iran billiger ist.

Zum Schluss möchten wir Euch jedoch auch noch von der Begegnung mit einem ehemaligen Friedensdorf-Schützling berichten. Er erzählte auf Englisch, dass bevor er nach Deutschland kam, ihm die Ärzte in Afghanistan sein linkes Bein wegen einer massiven Knochenentzündung amputieren wollten. In Deutschland konnten die Ärzte durch viele Operationen sein Bein erhalten. „Alle waren so freundlich und haben mir geholfen. So hatte ich die Idee, als ich nach Hause zurückkehrte, Arzt zu werden.“ Der junge Mann studiert jetzt Medizin im 1. Semester. Später will er als Orthopäde arbeiten und vor allem Kindern helfen.

Euer Einsatzteam

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