Benefizsong berührt Millionen Menschen

Im Interview mit Musikproduzent Rick J. Jordan

In 2020 nahm eine engagierte Gruppe von Künstlern gemeinsam mit Reinhard Mey eine Neuauflage des Antikriegs-Songs "Nein, meine Söhne geb' ich nicht" auf und startete damit eine außergewöhnliche Spendenaktion für Friedensdorf International. Das Lied von Reinhard Mey stammt ursprünglich aus dem Jahr 1986, doch die Aussage hat leider bis heute nicht an Aktualität verloren – eher im Gegenteil. Denn wenige Tage vor der Veröffentlichung des Liedes von Reinhard Mey und Freunde eskalierte der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Zugehörigkeit der Region Bergkarabach erneut und führte uns mit aller Brutalität vor Augen, dass Kriege leider weiterhin in vielen Teilen der Welt stattfinden und oftmals junge Menschen die Wehrpflicht nicht verweigern können und in den Krieg ziehen müssen.

Die 18 Künstler aus verschiedensten Musikgenres verzichteten auf alle Einnahmen des veröffentlichten Liedes und riefen stattdessen zu Spenden für Friedensdorf International auf. Bisher sind dabei rund 35.000 Euro für die Hilfe für verletzte sowie kranke Kinder in und aus Kriegs- und Krisengebieten zusammengekommen. Zunächst wurde das Musikvideo, mit Verzicht auf alle Werbeeinnahmen, nur auf dem Youtube-Kanal von Reinhard Mey veröffentlicht. Doch nachdem sich so viele Menschen erkundigt haben, ob man das auch Lied kaufen kann, haben die Künstler sich dazu entschlossen, es auch auf verschiedenen Download- und Streaming-Portalen zu veröffentlichen. Auch diese Erlöse werden zugunsten der Friedensdorf-Kinder gespendet.

Über dieses außergewöhnliche Projekt haben wir mit dem Musikproduzenten Rick J. Jordan gesprochen – einer der Initiatoren und Produzent der Neuauflage des Anti-Kriegssongs:

 

Wie ist die Idee entstanden, das Lied „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ neu aufzulegen?

Rick J. Jordan: Vor einigen Jahren war mein Freund Ronny Zeisberg, der Fotograf, Regisseur und Videokünstler ist, im Auto unterwegs und im Radio wurde über die Wehrpflicht in Deutschland diskutiert. Da musste er sofort an das Lied von Reinhard Mey denken und so entstand die Idee, den Song mit viele Künstlern gemeinsam neu aufleben zu lassen. Den bekannten Anti-Kriegssong hatte er schon damals, als er seinen Antrag zur Kriegsdienstverweigerung geschrieben hat, die ganze Zeit im Kopf. Er hat die Idee dann direkt an mich herangetragen und zusammen haben wir alle Drähte glühen lassen um möglichst viele interessante Mitstreiter zu finden. Über einige Umwege ist dann der Kontakt zu Reinhard Mey entstanden und auch er war von der Idee direkt begeistert.

 

Wie kam es zu der Idee, die Neuauflage als Benefizaktion zu starten und wieso habt Ihr Euch für das Friedensdorf entschieden?

Rick J. Jordan: Für uns war von Anfang an klar, dass wir mit der Neuauflage von „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ einen guten Zweck unterstützen möchten. Reinhard Mey hat sofort Friedensdorf International vorgeschlagen, da er sich bereits seit vielen Jahren eurer Hilfe sehr verbunden fühlt. Wir haben uns dann auch über die Arbeit von euch informiert und waren von dieser wertvollen Hilfe sehr beeindruckt. Ich finde es großartig, dass alle Künstlerinnen und Künstler auf Einnahmen verzichtet haben – besonders, weil die Künstler- und Musikszene stark von den Auswirkungen der Corona-Krise betroffen ist. Das kann ich nicht genug wertschätzen. Wir waren alle von Anfang an – von der Idee bis zur Umsetzung – mit ganzem Herzen dabei und haben gerne unsere Zeit diesem tollen Projekt gewidmet.

 

Das Musikvideo ist mittlerweile über 3,3 Millionen Mal angeschaut worden. Habt Ihr damit gerechnet?

Rick J. Jordan: Wir haben überhaupt nicht erwartet, dass die Neuauflage und die damit verbundene Spendenaktion so viele Menschen erreichen würde und sind davon immer noch überwältigt. Über die vielen Spenden für Friedensdorf International haben wir uns natürlich sehr gefreut – aber auch, dass die Aktion vielen neuen Menschen eure Hilfe nähergebracht hat. Wir haben uns im Vorfeld natürlich Gedanken über die Reaktionen gemacht und auch mit Gegenwind gerechnet. Daher fanden wir es toll, dass der Song sogar bei einem Radiosender für Soldat*innen gespielt wurde.

Im vergangenen Jahr hast Du gemeinsam mit dem Videoproduzenten Ronny Zeisberg das Friedensdorf besucht. Wie würdest Du Deine Erfahrungen beschreiben?

 

Rick J. Jordan: Während meines Zivildienstes, den ich in der OP-Abteilung eines Krankenhauses absolvierte, habe ich auch bei jungen Menschen schwere Schicksale gesehen. Das war eine sehr prägende Zeit für mich. Mir war klar, dass wir bei unserem Besuch im Friedensdorf, Kindern begegnen werden, denen man ihr Schicksal ansehen wird. Doch vor allem mit ihrer lebensfrohen Art und Neugierde, haben uns die Kinder sofort in ihren Bann gezogen. Sie haben uns viele Fragen gestellt und waren sehr beeindruckt, dass wir für sie „Musik gemacht“ habe. Unser Besuch hat uns nochmal darin bestärkt, dass wir für die Benefizaktion genau die richtige Organisation ausgewählt haben.

An welchen aktuellen Projekten arbeitest Du momentan?

Rick J. Jordan: Nachdem ich bis 2014 über 20 Jahre „Vollgas“ bei der Techno-Pop Band Scooter gegeben habe, arbeite ich aktuell an vielen unterschiedlichen Musikprojekten. Mein Herzensprojekt ist die Hamburger Indie-Rock-Band Leichtmatrosen. Als Bassist mache ich seit 2018 gemeinsam mit Andreas Stitz (Sänger und Gründer), Thomas Fest (Komponist, Keyboarder, Gitarrist & Produktion), Tom Günzel (Schlagzeug) und Stephan Sundrup (Gitarre) Musik. Für den 25. September 2021 planen wir zugunsten der Friedensdorf-Kinder ein Open-Air-Konzert in der Oberhausener Niebuhrg.

Rick J. Jordan (zweiter von rechts) mit seinen Bandkollegen der Hamburger Indie-Rock-Band Leichtmatrosen.

 

Fotos: Wieglas, Ronny Zeisberg

One Response

  1. Jünger, Kurt-Dieter
    | Antworten

    Nein, meine Söhne geb ich nicht und auch nicht meine angeheirateten Töchter. Angesichts des völligen Versagens von militärischen Aktionen, ob in Mali oder Afghanistan sind jegliche Militäreinsätze im Ausland abzulehnen. 100000 deutsche Soldaten waren im Einsatz, ca. 50 wurden getötet, die Toten Afghanen ca. 100.000 Menschen hat niemand gezählt. Ein Trauerspiel , dann der unkoordinierte Abzug, obwohl seit fast 18 Monaten der Natoabzug beschlossen und bekannt war. Die Heuchelei ist nicht zu ertragen und der Rechnungshof ist unfähig die gesamten EInsatzkosten zu ermitteln. Nein, eine Bananenrepublik reagiert anders; wir dürfen noch Fragen auch wenn es keine oder nur unbefriedigende Antworten gibt.
    Toll die Weiterarbeit des Friedensdorfes. Glückwunsch zu dieser mutigen und nicht ungefährlichen Arbeit.

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