Zum Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus

Geschichte ist lebendig

Es ist der 5. Mai 2021. Rund 150 junge Menschen sitzen vor Bildschirmen und lauschen einer Audioaufnahme der Stimme einer älteren Dame. Die meisten von ihnen sind Schüler*innen der zehnten Klasse der Comenius-Gesamtschule in Voerde. Die raue Stimme gehört Erna de Vries. Sie ist mittlerweile 97 Jahre alt und hat das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau überlebt. In der Aufnahme erzählt sie von dem Abschied von ihrer Mutter, als Erna in ein anderes Lager geschickt wurde.

„(…) und dann beim Abschied, da hat sie mir das gesagt, was ich vorhin sagte, du wirst überleben und wirst erzählen, was sie mit uns gemacht haben und dann haben wir uns verabschiedet, natürlich unter weinen (…) und zu wissen, man sieht sich nie wieder. Naja und ich habe sie auch nie wiedergesehen.“

Ksenia hat diese Aufnahme schon oft gehört und kennt Erna de Vries auch persönlich. Sie arbeitet für den Verein ZWEITZEUGEN e.V., der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Geschichten der Holocaust-Überlebenden weiterzuerzählen. Ihre Augen mustern die Schülerinnen und Schüler, die sich in Gruppen von ca. 15 Personen in Klassenräume aufgeteilt haben und sich jeweils eine Kamera teilen. Dieser Moment ist immer besonders eindrücklich. Die Jugendlichen sitzen still und blicken auf das Zitat auf dem Bildschirm. Es ist ruhig, doch es fühlt sich an als könnte man die Gedanken durch die Bildschirme hören. Gedanken, an die eigene Mutter und an den Schmerz, den Erna de Vries in ihrer Stimme trägt. Ksenia fügt mit ruhiger Stimme hinzu: „Ernas Mutter wurde wenige Monate später im Konzentrationslager ermordet. Doch Erna sagt uns immer, dass sie froh war, es wenigstens zu wissen. Sie sagt, es war ein Privileg, dies zu wissen und viele andere Familien hatten dieses Privileg nicht.“

Die Geschichte von Erna de Vries ist nur ein Teil des Zweitzeug*innen-Workshops. Zu Beginn fragte Ksenia die Jugendlichen zunächst: „Wie sieht bei euch ein ganz normaler Tag aus?“ Die Antworten waren vielfältig. Frühstücken, zur Schule fahren, Fußball spielen, Netflix und dabei Pizza oder Döner essen. Andere antworteten Turnen, Reiten, mit dem Hund spazieren und abends Fastenbrechen. Die Jugendlichen waren dabei sichtlich unruhig. Sie riefen durcheinander und fragten sich, was das Ganze mit dem Nationalsozialismus zu tun haben soll. Doch diese Frage wurde schnell beantwortet, als Ksenia eine Reihe von Gesetzen zeigte. Gesetze für Menschen, die als Jude oder Jüdin verfolgt wurden. Plötzlich war es nicht mehr möglich in Vereinen Sport zu treiben, Öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen oder sogar ein Haustier zu halten. Auch Telefone und Radios wurden verboten, ganz zu schwiegen von diversen Lebensmitteln: Eier, Milch, Fleisch, Weizenerzeugnisse und Schokolade waren einige davon. Von dem „ganz normalen Tag“ der Jugendlichen blieb nicht mehr viel übrig. „Wenn ihr den Alltag der vielen Jüdinnen und Juden betrachtet, Was denkt ihr dabei?“, fragte Ksenia in die Runde. Ein Junge meldete sich und sprach aus, was viele dachten: „Ganz schön doof und langweilig.“ „Das ist richtig“, stimmte ihm Ksenia zu. „Hinzu kommt natürlich, dass die Menschen die ganze Zeit Angst hatten, ein Gesetz zu brechen. Denn wer das tat, konnte mit sehr schweren Konsequenzen rechnen.“ Sie betonte, dass auch sehr viele Menschen als „jüdisch“ galten, die eigentlich gar nicht gläubig sind. Vielleicht, weil ihre Eltern Jüdinnen oder Juden waren. Oder nur ein Elternteil – So war es bei Erna de Vries.

In den Klassenräumen, wo zu Beginn noch Unruhe herrschte, war eine bedenkliche Stille eingekehrt. Sie lauschten der Geschichte von Erna. Ihr Vater war evangelisch und ihre Mutter war Jüdin. Sie selbst hat zwar schon eine Synagoge von innen gesehen, aber Religion war ihr in der Kindheit nicht so wichtig. In den Augen der Nationalsozialisten war sie eine „Halb-Jüdin“ – Ein Begriff, dem eine grausame und rassistische Denkweise zugrunde liegt. Dieser Umstand führte dazu, dass ihre Mutter einen Deportationsbescheid ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau bekam. Erna und ihre Mutter wussten was das bedeutete, denn sie besaßen ein kleines verstecktes Radio. Erna wurde an diesem Tag der Boden unter den Füßen gerissen. Da ihr Vater schon früh verstarb, war ihre Mutter alles für sie. Sie traf eine Entscheidung aus tiefster Liebe zu ihrer Mutter: Erna begleitete sie ins Konzentrationslager. Dort verrichtete sie schwere Knochenarbeiten, wie zum Beispiel Schilfsammeln in einem See. „Wozu soll das gut sein?“, fragt eine aufmerksame Schülerin. „Zu nichts“, entgegnete Ksenia. „Das war das grausame. Die Aufgaben waren einfach sinnlos.“

Schließlich kam es dazu, dass Erna in ein anderes Lager geschickt wurde. Sie verabschiedete sich von ihrer Mutter. Einige Zeit später wurden sie befreit. „Da haben wir begriffen, wir sind plötzlich frei. Wir stehen auf der Straße und sind plötzlich frei“, erklingt Ernas Stimme aus den Lautsprechern der Klassenräume. „Versteht ihr, wieso Erna und ihrer Mutter es so wichtig ist, dass diese Geschichte weitererzählt wird?“, fragt Ksenia in die Runde. Ein Schüler antwortet: „Ja, ich kann jetzt viel besser nachvollziehen, wie es damals war.“

„Geschichte“ ist lebendig. Sie beinhaltet Trauer, Wut, Frust, aber auch Freude, Erleichterung und Hoffnung. Vor allem beinhaltet sie unzählige Geschichten von einzelnen Menschen – Wie Du und Ich. Geschichte kann sich wiederholen, wenn wir vergessen, was bereits passiert ist. Es ist unsere Verantwortung, aus der Geschichte zu lernen und Fremdenhass entgegenzutreten.

 

Der Workshop ist in einer Kooperation zwischen ZWEITZEUGEN e.V. und dem Friedensdorf Bildungswerk entstanden. Wir bedanken uns herzlich für die Finanzierung durch die Mittel des eine Welt Netzes Oberhausen und der Antisemitismusbeauftragten des Landes NRW, Frau Sabine Leutheuser-Schnarrenberger.

Das Bild zeigt Erna de Vries (Foto: ZWEITZEUGEN e.V.)

One Response

  1. andrea-cora walther
    | Antworten

    es ist so entsetzlich – jemanden zu verabschieden, um dessen grausames schicksal man weiß / es zumindestens ahnt –
    in einer gesellschaft, die nichts gegen das unrecht tut und es durch untätigkeit erst möglich macht…..
    und das gerade auf dem hintergrund der offen antisemitischen kundgebungen, die heute wieder die hässliche fratze
    vor den synagogen zeigen …. und wieder sind es nur einige wenige auch in unserer gesellschaft, die
    versuchen, etwas gegen diese pogrom-stimmung zu tun….
    helfen wir, damit es mehr und mehr werden und vor allem auch die neu zugewanderte jugend unsere geschichte
    so kennenlernen, das ein leugnen des holocaust auch für sie nicht möglich ist……….

Schreibe einen Kommentar zu andrea-cora walther Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.