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Neues Rehazentrum mit ambulantem Eingriffsraum

Wo mitten im Ruhrgebiet Kinder aus Kriegsgebieten behandelt werden

Von der „Rua Hiroshima“ aus ist das neue Gebäude unübersehbar. Das große Haus mitten auf dem Dorfplatz fügt sich mit seinen blau-weißen Farben gut in den Stil des „Dorfes“ ein und fällt dennoch sofort ins Auge. Kein Wunder – denn was hier passiert ist einmalig. Seit Juli 2021 finden im Erdgeschoss des Rehazentrums ambulante Operationen statt und in der ersten Etage befindet sich die Reha-Abteilung, die an eine moderne Arztpraxis erinnert, wo Verbände gewechselt und Physiotherapie angeboten wird.

Am 24. Juli 2021 war es endlich nach drei Jahren des Baus soweit und die erste ambulante Operation konnte im Erdgeschoss des neuen Gebäudes stattfinden. Für den kleinen Sanjarbek aus Usbekistan begann an diesem sonnigen Morgen ein aufregender Tag. Der 7-jährige Junge hat in seiner Heimat schwere Verbrennungen erlitten, weshalb unter anderem die Beweglichkeit seiner rechten Hand stark eingeschränkt war. Als er „mutig“ das Gebäude betrat, nahmen ihn die Anästhesiepflegerin und der Anästhesist bereits herzlich in Empfang. Nachdem der kleine Patient für den Eingriff vorbereitet wurde, ging es durch die OP-Schleuse in den ambulanten Eingriffsraum. Mit der Operation konnten der Chirurg Dr. Heinz Grunwald und sein Team die Narbenstränge lösen, sodass Sanjarbek seine Finger wieder einzeln bewegen kann.

„Alles ist reibungslos verlaufen. Man hat im gesamten OP-Team gemerkt, dass alle mit Herzblut bei der Sache sind. Ich bin froh über den ersten operativen Eingriff im neuen Behandlungszentrum und baue darauf, dass wir in Zukunft noch zahlreichen Kindern in dieser Einrichtung helfen können!“, freut sich Dr. Heinz Grunwald. Eine lange Vorbereitung, sorgte dafür, dass bei diesem ersten Eingriff alles gut gelaufen ist. „Uns hat es viel Freude bereitet, das Projekt wachsen zu sehen. Die OP-Lampe, die Liege und den Instrumententisch haben wir beispielsweise gespendet bekommen. Ebenso wie den großartigen C-Bogen, mit welchem wir während des Eingriffs die Kinder aus allen Winkeln röntgen können“, erklärt Friedensdorf-Mitarbeiterin Jasmin Bruntsch begeistert.

Als Sanjarbek aus der Narkose erwachte, war seine Hand noch in einem dicken Verband versteckt. Nun kümmern sich die Mitarbeiterinnen der Reha-Abteilung um ihn und seine Hand. Verbände wechseln, Wunden kontrollieren und Physiotherapie – All dies steht für den kleinen Jungen nun regelmäßig bis zu seiner Heimreise auf dem Plan, damit die Hand gut verheilt und die Beweglichkeit seiner Finger zurückkehrt.

Dr. Heinz Grunwald schaute sich einige Tage nach der OP in der Reha den Heilungsprozess an und war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Sanjarbek war stolz, das erste Kind zu sein, dass im neuen Eingriffsraum operiert wurde.

Seit Frühjahr 2021 befindet sich die Reha-Abteilung in dem neuen Gebäude. Vorher mussten die Kinder den Weg über eine lange Rampe auf sich nehmen, was besonders für die kleinen Patient*innen im Rollstuhl täglich eine Herausforderung war. Weil sich das Gebäude direkt auf dem Dorfplatz befindet, ist der Weg in die Reha nun kurz. Wer die Treppe nicht nehmen kann, kommt mit dem Aufzug in die erste Etage und gelangt so zum Wartezimmer. In dem Raum mit einer beeindruckenden Wand, die ein ehemaliger Praktikant mit einem großen bunten Bild verzierte, wird die Wartezeit mit Spiel und Spaß verkürzt. Wer aufgerufen wird, weiß genau wo es hingeht: entweder zum Verbandsraum, wo das Reha-Team zum Beispiel den Stand der Wundheilung kontrolliert, oder zur physiotherapeutischen Behandlung in den großen Raum der Krankengymnastik. Hier kommen die Kinder gerne her, um spielerisch mit einfachsten Mitteln ihre Beweglichkeit zurück zu erlangen.

Wie alles begann

Wie ist die Idee eines Rehazentrums mit ambulantem Eingriffsraum überhaupt entstanden? Seit der Einführung des Fallpauschalen-Systems in deutschen Kliniken im Jahr 2004 entwickelt sich das deutsche Gesundheitssystem in eine neue Richtung. Mit diesem neuen Abrechnungssystem ist nicht mehr die Liegedauer der Patient*innen für die Vergütung der Krankenhäuser ausschlaggebend, sondern ihre Diagnose. „Krankenhäuser müssen darauf achten, keine Verluste zu machen. Hinzu kommen Gründe wie Zusammenschlüsse und Spezialisierungen von Krankenhäusern, Personalmangel und verschärfte Hygienebestimmungen. Wenn das Friedensdorf um eine kostenfreie Behandlung für ein Kind bittet, stellen wir leider fest, dass es immer weniger Kliniken gibt, die sich dazu bereit erklären können“, erläutert Friedensdorf-Leiterin Birgit Stifter.

Die Krankenhäuser müssen entlastet werden, denn sie sind für die Friedensdorf-Hilfe unentbehrlich. Somit wurde die Idee einer neuen Art der Kooperation geboren. Stellen Sie sich vor: Bibi kommt mit einer Knochenentzündung ins Friedensdorf und muss operiert werden. Die große Operation wird stationär in einer Klinik durchgeführt, da dort die entsprechende Nachsorge möglich ist. Anschließend muss in einer zweiten Operation das Metall, dass in der ersten OP zur Stabilität eingesetzt wurde, wieder entfernt werden. Hierzu kommen ehrenamtliche Ärzt*innen ins Friedensdorf, um dort im neuen Eingriffsraum ambulant zu operieren. Für die Krankenhäuser entstehen somit weniger Kosten. Auch andere kleinere orthopädische und handchirurgische Eingriffe können nun im Friedensdorf stattfinden, dazu gehört beispielsweise das Lösen von Narbenkontrakturen wie bei Sanjarbek sowie die Entfernung von Fixateuren, Metallplatten oder -schrauben. Diese Kooperation hat auch für die Kinder Vorteile, da sie in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können. So konnte Sanjarbek schon wenige Stunden nach seiner Operation wieder zu seinen Freunden, die ihn neugierig auf dem Dorfplatz erwarteten.

Die ersten Operationen im ambulanten Eingriffsraum sind bereits gut verlaufen.

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