(K)eine Welt ohne das Friedensdorf

Kinder unterschiedlicher Kulturen schließen Freundschaft - auch außerhalb des Speisesaals (Foto: Torsten Silz).

Gedanken zum 55-jährigen Jubiläum am 6. Juli

„Eine Einrichtung wie das Friedensdorf dürfte es eigentlich nicht geben.“ Wer das Friedensdorf auf seinem bisherigen Weg begleitet hat, dürfte dieses Zitat schon einmal gehört oder gelesen haben. Nein, eigentlich dürfte es weltweit keine Kinder geben, die für eine medizinische Behandlung nach Europa geflogen werden müssen, weil sie in ihrer Heimat keine Chance auf eine gesunde Zukunft haben. Es dürfte keine Familien geben, die ihren Nachwuchs in den Schutz einer Kinderhilfsorganisation übergeben müssen, um sein Überleben zu sichern. Nein, im Idealfall dürfte es keine Einrichtung wie das Friedensdorf geben. Im Idealfall. Fakt ist leider, dass dieser fromme Wunsch an der Lebensrealität vieler Familien und Kinder weltweit vorbei geht. In den Partnerländern ist die Arbeit des Friedensdorfes mittlerweile substanziell. Am 6. Juli 2022, zum 55-jährigen Jubiläum des Vereins, wird die Wichtigkeit der Arbeit von Friedensdorf International deutlicher denn je.

 

Not in Kriegs- und Krisengebieten spürbar

Gäbe es keine Kriegs- und Krisengebiete, dann bräuchte es kein Friedensdorf. Diese Rechnung scheint zunächst einfach. Doch entgegen der Hoffnung der Friedensdorf-Gründer und Gründerinnen, haben sich die globalen Konflikte in den vergangenen Jahrzehnten nicht aufgelöst. Im Gegenteil, heute befinden sich nicht weniger Länder und Regionen in Mangel- und Notsituationen als noch im Gründungsjahr 1967. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie taten und tun ihr Übriges. Auch das Friedensdorf spürt das akute Leid der Menschen – besonders das der kranken und verletzen Kinder – auf den Hilfseinsätzen in Afghanistan, Angola, Gambia, Gaza, Irak, Kirgistan, Tadschikistan oder Usbekistan. Hier spürt es die Not, historisch gewachsen und tief verwurzelt durch jahrelange Krisen und Konflikte. Die Menschen vor Ort sind mehr als froh, dass es das Friedensdorf gibt. Sie sind froh, dass es einen Ort gibt, an dem ihre Kinder gesund werden können, an dem sich die Hoffnung auf eine Zukunft in ihren Heimatländern erfüllt. Und sei dieser Ort noch so weit entfernt. Selbst wenn im Großteil der Partnerländer von Friedensdorf International keine direkten Kampfhandlungen mehr stattfinden – die Not der Menschen wird durch die zahlreichen indirekten Folgen und die Corona-Pandemie immer größer.

 

Afghanistan – ein Land vor dem Abgrund

Besonders akut ist die Notlage zurzeit in Afghanistan; ein Land, auf das Friedensdorf International seit 1988 blickt. Sehr wohl gibt es, bedauerlicherweise, viele Krisengebiete auf der Welt, doch für Afghanistan werden seit der Machtübernahme der Taliban im Sommer 2021 seitens der internationalen Gemeinschaft jegliche Hilfen zurückgehalten. Die Menschen sind hier auf sich alleine gestellt. Für die Kinder Afghanistans ist der Blick in ihre Zukunft ungewiss – sofern sie diese Zukunft überhaupt erleben. Nach aktuellen Angaben der UN hungert 98% der Bevölkerung Afghanistans, es herrscht landesweit allgemeine Armut. Jegliche Hilfe ist bitter nötig. Wie die Corona-Zeit gezeigt hat, war es für die Friedensdorfs-Arbeit elementar wichtig, mit lokalen Partnerorganisationen zusammenzuarbeiten, um in Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben. Nur durch diese enge Kooperation konnten beispielweise kürzlich angesichts des verheerenden Erdbebens im Osten Afghanistans Health Kits mit Medikamenten und Verbandsmaterial binnen weniger Tage geliefert werden. Nur so konnte Soforthilfe geleistet werden, die den Namen Soforthilfe auch zurecht tragen darf.

 

 

Frieden – Guten Appetit!

Noch hat sich die Welt, in der es ein Friedensdorf nicht geben sollte, nicht aufgetan. Trotzdem muss die Hoffnung, dass eines Tages die Waffen weltweit ruhen und Kinder keine Waffengewalt erleben müssen, aufrechterhalten werden. Seit jeher vertritt das Friedensdorf eine pazifistische Grundeinstellung. Wie könnte es auch anders, wo die Folgen von Krieg und Krisen vieler Nationen im Friedensdorf doch stets so präsent waren und sind. Den Friedensgedanken vermittelt die Hilfsorganisation den Kindern aus Kriegs- und Krisengebieten während ihrer Zeit im Friedensdorf. Die genesenen Kinder tragen ihn wiederrum in ihre Heimatländer. Und so stimmen die Mädchen und Jungen im Speisesaal der Heimeinrichtung vor jeder Mahlzeit gemeinsam ein kräftiges „Frieden – Guten Appetit“ an. Leider stellt das Friedensdorf aktuell mit Bedauern fest, dass eine pazifistische Grundeinstellung von vielen Seiten nur noch belächelt wird. Es ist in der Tat einfach, Friedensbewegte als naiv zu bezeichnen. Doch ein Blick auf die Friedensdorf-Kinder reicht aus, um sich darauf zu besinnen, dass es nie vergebens sein darf, sich für Ideen, wie Konflikte ohne Gewalt ausgetragen werden können, einzusetzen.

 

Seit 1967 ist die Agenda für Friedensdorf International in der Vereins-Satzung festgeschrieben – „sich solcher Kinder und Jugendlicher in Kriegsgebieten und Krisensituationen anzunehmen, denen sonst keine ausreichende Hilfe zuteil wird.“ Friedensdorf International richtet heute seinen Dank an all diejenigen, die dabei helfen, diesen Auftrag mit ihrer Zeit und/oder ihrer Spende zu erfüllen. Nur mit ihrer Hilfe hat das Friedensdorf die bisherigen historischen Herausforderungen sowie die aktuelle Corona-Pandemie gemeistert – und wird dies hoffentlich auch in Zukunft tun können.

 

 

Ritual im Speisesaal (Foto: Torsten Silz).

 

 

3 Responses

  1. Axel Rüenholl
    | Antworten

    Seit gut drei Jahren bin ehrenamtlich im Reha-Bereich tätig. Dreimal in der Woche. Ich bin immer wieder tief berührt wenn ich die Not der uns
    anvertrauten Kinder sehe und erlebe. Tief beeindruckt bin von der Arbeit, die die Damen und die Praktikantinnen und Praktikanten dort leisten.
    Meine sehr persönliche ernst gemeinte Meinung: wenn jemand den Friedensnobelpreis verdient hat dann ist es das Friedensdorf International.

  2. Lothar Nabbefeld
    | Antworten

    Danke, dass Ihr der Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit mit soviel Mut und sowenig Naivität treu bleibt. Das ist viel in einer Zeit, die so waffenverliebt ist, dass schon Kriegsmüdigkeit ein schwerer Vorwurf ist, den die politische Führung dieses Landes ihren Bürgern macht. Was für ein Irrsinn!

  3. Anne Below
    | Antworten

    Ein Riesen-Dankeschön an ALLE, die sich seit so langer Zeit aktiv und mit herzlichem Engagement dieser wichtigen Sache annehmen und unterstützen. Eure Leistungen und Hilfe für die Kinder sind gerade in der jetzigen Zeit für uns,die nur von “aussen“ auf Euer Friedensdorf schauen können, wichtiger und aktueller denn je.Kinder sind unsere Zukunft. Danke dafür,dass ihr den Kindern den Friedensgdenken im Dorf vorlebt und so auf den Weg in ihre Heimat mit gebt.
    Ich wünsche allen Helfern alles Gute und Gesundheit und den Kindern eine hoffnungsvolle Genesung

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