Dr. Insa Lever – Tübingen

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Im Rahmen der Hilfseinsätze unterstützt Dr. Insa Lever auch ehrenamtlich in der Reha des Friedensdorfes.

Dr. Insa Lever – Tübingen

Wie kamen Sie ins Friedensdorf?

Eine Freundin aus Essen hat mich Ende der 13. Klasse auf das Friedensdorf aufmerksam gemacht. Sie hatte mit ihrer Religionsklasse einen Tag bei einem Seminar im Friedensdorf Bildungswerk verbracht und erzählte mir davon. Da ich Kinderärztin werden und in den Entwicklungsdienst gehen wollte, war ich sehr interessiert. So verbrachte ich den Sommer 1995 zwischen Abitur und Beginn des Medizinstudiums als Praktikantin im Heimbereich.

Direkt im Anschluss startete ich mit meinem Ehrenamt und betreute in einer Tübinger Klinik einen afghanischen Jungen, den ich aus dem Friedensdorf bereits kannte.

Seither begleite ich Friedensdorf-Kinder in Krankenhäusern in Tübingen und Stuttgart.

Während des Studiums absolvierte ich fast alle klinischen Praktika in und um Oberhausen, um möglichst viel Zeit mit den Kindern im Friedensdorf verbringen zu können. Ich war damals viele Feiertage und Wochen im „Dorf“ und habe im Heimbereich mitgeholfen.

Als meine drei Kinder noch sehr klein waren, musste ich etwas zurücktreten. Jetzt nehme ich sie manchmal zu den Krankenhausbesuchen mit.

Seit 2018 komme ich außerdem in der Regel zweimal jährlich ins Friedensdorf, um im Rahmen der Hilfseinsätze bei der Versorgung der neuen Kinder nach ihrer Ankunft im Dorf in der Reha mitzuhelfen.

Meine älteste Tochter war mit 10 Jahren einmal mit im Friedensdorf und wir haben zusammen mit den Kindern gebastelt und gespielt. Das war für sie sehr beeindruckend und sobald es die Pandemie zulässt, möchte auch meine Jüngste einmal das „Dorf“ kennenlernen.

 

Was ist Ihre Motivation für ein Ehrenamt im Friedensdorf?

Es sind definitiv die Kinder! Es ist unglaublich beglückend diese sehr besonderen Kinder ein kleines Stück ihres Lebensweges begleiten zu dürfen. Die Kinder sind alle sehr tapfer, voller Lebensfreude und sehr bemüht so schnell wie möglich wieder gesund zu werden, um zu ihren Familien nach Hause zurückkehren zu können.

Ich habe in 27 Jahren viele Kinder kennenlernen dürfen und diese Begegnungen und Erfahrungen haben mein Leben sehr bereichert.

Während der Betreuung im Krankenhaus erlebt man sehr intensive Stunden mit den Kindern. So habe ich zuletzt im Frühjahr 2022 den afghanischen Jungen Esmail, über den zum Weltkindertag auf der Homepage berichtet wurde, betreuen dürfen. Sein Schicksal ist für mich wie ein Wunder. Bei seiner Ankunft in Deutschland im März war er in einem sehr schlechten Allgemeinzustand und es ging anfangs rein ums Überleben. Schon wenige Wochen später hatte er sich zu einem lustigen, lebensfrohen Jungen entwickelt. Im November konnte er nach abgeschlossener Behandlung endlich zu seiner Familie zurückkehren. Ohne die Einzelfallhilfe des Friedensdorfes hätte er mit Sicherheit nicht überlebt.

Am schönsten ist es für mich aber immer noch im „Dorf“ zu sein, diese ganz besondere Atmosphäre und das Lebensgefühl der Kinder miterleben zu dürfen.

Zudem hat mir die Arbeit im Friedensdorf einige sehr wertvolle Freunde geschenkt.

 

Welche Momente haben Sie besonders berührt?

Davon gibt es ganz viele. Es sind die Gespräche und der Umgang der Kinder untereinander, wie sie sich gegenseitig trösten, helfen und Mut machen. Wie alle Kinder jubeln, wenn ein Kind mit der neuen Prothese seine ersten Schritte auf dem Dorfplatz macht. Oder wenn ein Junge, den ich betreute und der aufgrund seiner Grunderkrankung in Deutschland erblindete, wunderschön auf seiner Blockflöte spielte (womit er auch später in Afghanistan zum Lebensunterhalt seiner Familie beitrug). Sehr bewegend war die erste Begegnung zweier Brüder, die unabhängig voneinander mit dem Friedensdorf nach Deutschland gekommen waren und sich auf dem Dorfplatz freudig in die Arme fielen. Oder das Aufklärungsgespräch mit Esmail, als wir ihm die Notwendigkeit der Amputation seines Beines mitteilen mussten.

In den 1990er Jahren hatten die Kinder viele schreckliche Kriegsverletzungen durch den grausamen Bürgerkrieg in Angola und Afghanistan. Es gab unzählige Minenverletzungen und Opfer von Spielzeugexplosiva aus Afghanistan, die den Kindern die Unterarme weggesprengt hatten und sie blind und mit Munitionssplittern und Brandwunden übersät zurückgelassen hatten. Das macht mich fassungslos.

Sehr beeindruckend ist es auch bei der Ankunft der Kinder auf dem Düsseldorfer Flughafen dabei zu sein, wenn Dutzende von Einsatzfahrzeugen des Roten Kreuzes und die STOAG-Busse direkt auf dem Rollfeld die Kinder in Empfang nehmen.

Oder wenn die Kinder sich einem anvertrauen und von zu Hause, ihren Verletzungen, Ängsten und Hoffnungen erzählen.

Ich habe größten Respekt vor den Kindern und die Arbeit mit ihnen erfüllt mich mit Demut und gibt meiner Tätigkeit als Kinderärztin einen tiefen Sinn.

 

Was wünschen Sie dem Friedensdorf für die Zukunft?

Den Friedensdorf-Kindern wünsche ich, dass ihr Menschenrecht auf eine gesundheitliche Versorgung in Zukunft in ihren Heimatländern erfüllt werden kann, so dass sie nicht mehr so viele Monate von ihren Familien getrennt werden müssen.

Dem Friedensdorf wünsche ich weiterhin viele engagierte Helfer*innen, die mit Freude und Engagement diese wertvolle Arbeit für die Kinder leisten, zahlreiche Krankenhausfreibetten und großzügige Spenden. Wichtig sind vor allem die Projekte in den Heimatländern, um die Not dort, wo sie am größten ist, zu lindern.

Der Welt wünsche ich, dass sie von der Botschaft der Friedensdorf-Kinder lernt, dass ein friedliches Zusammenleben unabhängig von Herkunft, Religion und Aussehen möglich und bereichernd ist, auch wenn und gerade, weil wir alle verschieden sind.

Im Grunde wünschen wir uns doch alle dasselbe – eine friedliche Welt für alle.

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