Friedensdorf-Team reist nach drei Jahren wieder nach Kambodscha

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Hilfsprojekte zeigen auch in schweren Zeiten Erfolge

Birgit Stifter und Claudia Peppmüller konnten es bei ihrer Ankunft Ende November am Flughafen in Siem Reap im nordwestlichen Teil Kambodschas selbst kaum glauben: Das erste Friedensdorf-Team seit drei Jahren, das wieder in das südostasiatische Land einreisen konnte. Aufgrund der Corona-Pandemie hielt Kambodscha seine Grenzen lange Zeit für internationale Reisende geschlossen. In Begleitung des langjährigen Partners Chau Kim Heng konnten sich die Mitarbeiter nun endlich wieder einen persönlichen Eindruck von den verschiedenen Projekten verschaffen, die das Friedensdorf zur nachhaltigen Verbesserung der medizinischen Versorgungslage der lokalen Bevölkerung seit vielen Jahren im Rahmen seiner Projektarbeit finanziert. Schwerpunkt der Projektreise bildete ein Besuch der Mülldeponien in Battambang und Phnom Penh sowie der dazugehörigen Projekte. Auch Lebensmittel und Hygieneartikel konnten an die Müllsammlerfamilien verteilt werden. Parallel besuchte das Friedensdorf-Team verschiedene Kliniken und Basisgesundheitsstationen.

 

Erfolge werden in Battambang sichtbar

Erste Station der Projektreise bildete der Besuch des „Sozialen Abfallzentrums Battambang“ (SAB). Nach drei Jahren hat der Anblick, der sich auf der Mülldeponie auftut, nicht an Eindrücklichkeit verloren: Zahlreiche Müllsammlerfamilien leben in notdürftig errichteten Verschlägen inmitten der riesigen Müllberge. „Leider gibt es auf der Welt viele schreckliche Lebensbedingungen. Aber auf einer Mülldeponie zu leben, das ist mit eine der schlimmsten Lebensformen, wenn nicht gar die Schlimmste“, erzählt Claudia Peppmüller. Mit dem Projekt „Soziales Abfallzentrum Battambang“ (SAB) sollten die Lebensumstände der Müllsammlerfamilien – und besonders die der Kinder - verbessert werden. Und tatsächlich hat sich in den letzten drei Jahren viel verändert auf der Mülldeponie. Inzwischen wurden Trennung und Verwertung des Mülls weiter professionalisiert und somit viel bessere Arbeitsbedingungen im Recycling-Center geschaffen. Auch für die Kinder entstand ein neuer Fußballplatz auf dem Gelände, der die bisherigen Förderprogramme, wie z.B. Englischunterricht oder das Zirkusprojekt, ergänzt. Das Ziel ist weiterhin, soziale und schulische Kompetenzen der Kinder zu fördern und ihnen den Weg in das kambodschanische Schulsystem zu ebnen. „Früher mussten die Kinder auf der Mülldeponie mitarbeiten“, erklärt Friedensdorf-Partner Chau Kim Heng. „Wir haben erreicht, dass die Eltern die Vorteile des Projektes erkennen und sich für ihre Kinder über die geistigen und körperlichen Förderungsmöglichkeiten freuen.“ Dass das Projekt Früchte trägt, zeigt sich dem Friedensdorf-Team bei einer Veranstaltung im Zirkusprojekt. Auch ehemalige Kinder wurden eingeladen. So wie die heute 22-jährige Mony. Sie war eines der ersten Kinder im Sozialprojekt. Sie ist ganz bewusst zur Veranstaltung gekommen, um als Vorbild zu dienen und zu zeigen, dass man es rausschaffen kann: „Ich habe mit meiner Familie am Rande der Deponie gewohnt. Als ich in das Projekt kam, haben die Kinder der Müllsammlerfamilien und ich uns ziemlich beäugt. Aber als Kinder waren wir bereit, Differenzen zu übersehen und zusammen zu halten. Im Projekt habe ich gelernt, was es bedeutet, eine starke Gemeinschaft zu sein. Am wichtigsten war, dass ich meinen Selbstwert gefunden habe.“ Dieser Selbstwert wurde Mony Jahre später beinahe wieder genommen: „Ich hatte mich verlobt. Doch die Familie meines zukünftigen Mannes fand heraus, dass meine Mutter als Müllsammlerin gearbeitet hat. Damit wurde die Verlobung aufgelöst.“ Was die heute 22-jährige Studentin daraus gelernt hat? „Menschen sollten nicht die Vergangenheit, sondern den Menschen so sehen, wie er jetzt ist. Das habe ich auch im Sozialprojekt gelernt.“ Wie Mony ist auch Vatay zu der Veranstaltung in Battambang gekommen. Sie stammt aus einer bäuerlichen Familie und studiert heute Physiotherapie. Sie ist noch immer begeistert von dem Zirkusprojekt: „Im Projekt konnte ich einfach Kind sein. Ich konnte herausfinden, was ich im Leben wollte und wohin ich gehen wollte.“ Ein drittes Beispiel dafür, dass das SAB gestärkte Kinder hervorbringt, ist Reaska. Reaska studiert mittlerweile Rechtswissenschaften. Ihr jüngerer Bruder profitiert auch von dem Sozialprojekt, ihr älterer Bruder arbeitet in der Landwirtschaft. Auch Reaska hat in Battambang aufgezeigt bekommen, dass ein Leben abseits der Mülldeponie möglich ist und dass man es schaffen kann, wenn man gewillt dazu ist. Nach der Aufführung erwartete etwa 51 Müllsammlerfamilien eine Überraschung: Sie erhielten Grundnahrungsmittel und Waschmittel. „Das ist eine enorm wichtige Hilfe für die Familien. Gerade in Zeiten, in den die Lebensmittelpreise so extrem steigen“, führt Friedensdorf-Leiterin Birgit Stifter die Notlage der Kambodschaner aus. „Hinzu kommt, dass durch starke Regenfälle die Ernten vieler Reisbauern zunichte gemacht worden sind. Selbst Reis ist in diesen Tagen ein Luxusgut. Wovon sollen die armen Menschen noch leben?“

Bildungsangebot in Phnom Penh noch zurückhaltend wahrgenommen

Das zweite Sozialprojekt, das Birgit Stifter und Claudia Peppmüller besuchten, war der Kindergarten Somersault im Comped Home am Stadtrand von Phnom Penh. Seit 2016 fördert das Friedensdorf dieses Vorschulprojekt. Das Angebot richtet sich vor allem an die Kinder der Müllsammler, die auf der nahegelegenen, zentralen Mülldeponie arbeiten. In Phnom Penh zahlen die Familien, anders als in Battambang, Miete für ihre Unterkünfte. Und das nur, weil sie am Rand der zentralen Deponie leben und nicht auf dem Müll. Für ihren „Verschlag“ müssen Sie monatlich 15 Dollar an Miete zahlen, mit Strom noch einmal 15 Dollar zusätzlich. Der Kilopreis für Plastik liegt aktuell bei einem bis drei Cent. Das ist vielleicht einer der Gründe, weshalb die Bildungsangebote im Comped Home für die Kinder noch scheitern. Anders als in Battambang stehen die Familien hier unter enormen Druck, die Miete aufzubringen. Jede helfende Hand wird gebraucht. Hinzu kommt, dass das Projekt in Phnom Penh knapp zwei Kilometer abseits der Mülldeponie und das Projekt nicht so unmittelbar erreichbar ist wie in Battambang. „Kinder unter sechs Jahren dürfen nicht mitarbeiten. Die Eltern nehmen sie trotzdem mit auf die Deponie, um sie im Auge zu behalten. Wir nehmen an, dass sie keine Zeit haben, ihre Kinder zu uns zu bringen oder auf die Abholung bzw. das Zurückbringen am Nachmittag zu warten“, erklärt Chau Kim Heng das Dilemma der Familien. „Auch ein warmes Mittagessen kann die Familien leider nicht dazu bewegen, ihre Kinder zum Projekt zu schicken. Zwar werden die Kinder kostenlos in den Fächern Khmer/Englisch, Naturwissenschaften, Bewegung, Landeskunde und Mathematik unterrichtet, doch die Familien befürchten, dass sie eines Tages doch noch etwas für die Bildung ihrer Kinder bezahlen müssen.“ Zum Bedauern von Chau Kim Heng kommen von den rund hundert angemeldeten Kindern nur 30 Prozent der Kinder von der Deponie, der Rest von den etwas „besser situierten“ Familien, die am Rande der Deponie leben und ein freiwilliges Schulgeld bezahlen. Das Projekt in Phnom Penh wird in Zukunft noch ein viel Überzeugungsarbeit seitens des Projektpartners benötigen. Dass die Müllsammlerfamilien unter enormen wirtschaftlichen Druck stehen, zeigte auch die Freude, die bei einer Verteilung von Lebensmitteln im Zuge des Friedensdorf-Besuchs aus ihren Gesichtern sprach.

 

Basisgesundheitsstationen sichern weiterhin Versorgung

Ebenso wichtig wie die Sozialangebote für die Kinder der Müllsammlerfamilien ist seit vielen Jahren der Bau von Basisgesundheitsstationen (BGS). Dass diese immer noch von Nöten sind, davon konnte sich das Friedensdorf-Team auf der holprigen Fahrt in die Gemeinde Trapeang Pring überzeugen. Die Gemeinde liegt sehr ländlich, die Menschen leben hier von ihrer Arbeit auf den Kautschuk- und Erdnussplantagen. "Wenn wir krank werden, müssen wir 15 Kilometer fahren, um eine medizinische Versorgung zu bekommen. In der Regenzeit ist das ohne Auto kaum zu schaffen", erklärt der 72-jährige Dorfvertreter Vaesna während der Besichtigung der sich noch im Bau befindlichen 41. BGS. Er mutmaßt, dass sein Leben vielleicht anders verlaufen wäre, wenn er schneller an eine medizinische Versorgung für sich und seine Familie gekommen wäre. Bis 1994 besaß er ein Haus, seiner Familie ging es finanziell gut. Dann erkrankte seine Frau, seine zwei Kinder und er. Lange war nicht klar, was allen fehlte und man erklärte ihm, dass die Familie unter einem Fluch stünde. Das Ende vom Lied war, dass er alles was er besaß verkaufen musste, um die vielen Behandlungen zu finanzieren. Rund 10.000 Menschen können jetzt von der neuen BGS medizinisch versorgt werden. Das Friedensdorf kann nur hoffen, dass sich die Geschichte von Vaesna nun für niemanden so wiederholen wird. Um die Neugeborenen vor Infektionskrankheiten zu schützen, wird – wie in der BGS 41 und in Toul Snoul bereits umgesetzt – die Entbindung in einem separaten Trakt der BGS erfolgen. „Es ist wichtig, die Gesundheit der Mutter und des Babies zu schützen. Deshalb bin ich froh, wenn wir in Zukunft zwei Gebäude bauen können“, freut sich der Projektleiter. Toul Snoul ist ein Ort, wo nicht nur der berühmte kambodschanische Pfeffer wächst, sondern auch schon fast 100 Kinder im vom Friedensdorf finanzierten Entbindungstrakt das Licht der Welt erblickt haben. Auch die Erstvorsorge, U-Untersuchungen und wichtige Impfungen nach WHO-Standard werden hier durchgeführt.

Partner Chau Kim Heng präsentiert die Mitarbeiterinnen in Toul Snoul, mit deren Hilfe im Entbindungstrakt fast 100 Kinder zur Welt kamen.

In den ländlichen Gebieten leben die Menschen in bescheidenen Verhältnissen - gerade hier sind die Basisgesundheitsstationen enorm wichtig.

„Wir sind glücklich, dass die Projekte in Kambodscha so positive Entwicklungen nehmen und dass sich die Mitarbeitenden vor Ort mit großem Engagement für den Erfolg der Projekte für die Kinder einsetzen“, zieht Birgit Stifter ein Resumé der Projektreise. „Nachdenklich gemacht hat uns hingegen die allgemeine Stimmungslage in Kambodscha. Die Corona-Pandemie hat die Menschen sehr hart getroffen. Der Tourismus, der vor der Pandemie einen richtigen Aufschwung erlebt und noch Milliarden in die Staatskasse gespült hat, konnte sich bisher nicht wieder erholen. Auch der Krieg in der Ukraine, der Preissteigerungen in allen Bereichen mit sich bringt, macht die Menschen mürbe. Deshalb ist es für uns wichtig, die Menschen in Kambodscha auch zukünftig zu unterstützen.“

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