Bedarf an medizinischer Hilfe für angolanische Kinder steigt

Anfang Juli kamen acht angolanische Kinder im Friedensdorf an. Auf sie wartet nun ihre Weiterbehandlung.

„Die Ärmsten müssen sich den Wohlstand der Reichen anschauen“

Als Laurinda nach der langen Reise von Luanda nach Oberhausen aus dem Auto steigt und das Friedensdorf-Gelände betritt, strahlt sie. Es ist nicht das erste Mal, dass das Mädchen den Weg zum Dorfplatz hinaufgeht. Sie erkennt die Gesichter einiger Mitarbeitenden wieder. Sie strahlen zurück. Laurinda war schon einmal für eine medizinische Behandlung in Deutschland, genau wie die sieben kleinen Patienten und Patientinnen, die sich mit Laurinda auf den Weg nach Oberhausen begeben haben. Sie sind nach aufwändigen orthopädischen Primärbehandlungen auf eine Weiterbehandlung, wie etwa der Entfernung von Metall, angewiesen. In ihrer Heimat Angola können diese notwendigen Weiterbehandlungen nicht durchgeführt werden. Auf ihrem Flug begleitet wurden die acht Patientinnen und Patienten von Friedensdorf-Leiterin Birgit Stifter sowie den Mitarbeiterinnen Birgit Hellmuth und Raissa Neumann.

 

Vor zwei Wochen flog das Team im Rahmen des 72. Hilfseinsatzes für Angola nach Luanda. Auf dem Hinflug in die Millionenmetropole begleitete es sechs Mädchen und Jungen, deren Behandlung aktuell abgeschlossen ist. Sie konnten ihre Familien nach einer langen Zeit des Getrennt seins endlich wiedersehen. Nach der freudigen Zusammenkunft stand für das Einsatz-Team und die angolanische Partnerorganisation „Kimbo Liombembwa“ die wesentliche Aufgabe eines jeden Hilfseinsatzes an: die Kindervorstellungen. Hierfür hatte der Friedensdorf-Partner in wochenlanger Vorarbeit veranlasst, Kinder aus allen 18 Provinzen des Landes in die Hauptstadt reisen zu lassen. Bei den Kindervorstellungen bot sich ein leider gewohnt trauriges Bild. „Wir haben in den letzten Wochen zahlreiche verletzte und kranke Kinder gesehen, besonders viele mit schweren Knochenentzündungen an Armen und Beinen, mit Klumpfüßen oder urologischen Problemen“, berichtet Birgit Hellmuth, die die Hilfseinsätze nach Angola seit vielen Jahren begleitet. „Wir hoffen, dass wir alsbald so viele von ihnen wie möglich nach Deutschland holen können. Die ersten Vorbereitungen hierzu sind bereits getroffen.“ Diese Hilfe ist für die angolanischen Kinder dringend nötig: „Unserem Projektpartner werden mehr und mehr schwer kranke Kinder vorgestellt“, schildert Birgit Stifter die Situation vor Ort. „Für einen Großteil der mehrheitlich armen Bevölkerung bleibt der Zugang zu einer medizinischen Versorgung unzureichend. Sie trifft es am Härtesten.“ Die große Armut, unter deren Auswirkungen viele Kinder in Angola leiden, zeigt sich nicht nur bei den Kindervorstellungen. Auf den Straßen von Luanda wird sie durch Kontraste stark sichtbar, wie auch Birgit Stifter beobachtet: „Im Hafenviertel reiht sich Wolkenkratzer an Wolkenkratzer. In ihrem Schatten stehen Wellblech- oder einfache Holzhäuser. Die Ärmsten müssen sich hier den Wohlstand der Reichen anschauen. Es herrscht ein Überfluss an alltäglichen Dingen, von dem aber nur diejenigen mit dem nötigen Geld etwas abbekommen.“

 

Trotz der schreienden Ungleichheit symbolisiert die Hauptstadt für viele Familien die Hoffnung auf ein besseres Leben. Dies wird dem Einsatz-Team deutlich, als es in die südlich von Luanda gelegene Küstenstadt Sumbe, Hauptstadt der Provinz Cuanza Sul, fährt, um sich unter anderem einen aktuellen Überblick über den Stand der dortigen Bildungseinrichtungen zu verschaffen. „In Cuanza Sul ist die Bevölkerungsdichte vergleichsweise gering, da es viele Menschen als Binnenvertriebe in die Metropolregion zieht. Auf dem Land ist die medizinische Infrastruktur stark eingeschränkt, vor Ort vorhandene Basisgesundheitsstationen sind nicht ausreichend ausgestattet. Wer krank ist oder schwer verletzt, sieht sich grundsätzlich dazu gezwungen, den Weg nach Luanda auf sich zu nehmen“, führt Brigit Stifter aus. Ein schwieriges Unterfangen für die meisten, da Zuhause jede helfende Hand gebraucht wird, um die Familie zu versorgen.

 

Auch wenn der Eindruck der gesundheitlichen Versorgungsstrukturen in der Provinz eher ernüchternd ausfällt, berührt der Besuch einer Grundschule in einem der ärmsten Viertel Sumbes umso mehr. An dieser Schule, die etwa 1.200 Kinder aus der umliegenden Gegend besuchen, werden die notdürftig gebauten Klassenräume immer wieder durch starke Regenfälle unbenutzbar gemacht. Wochenlang muss die Schule dadurch manchmal ausfallen. Allein dem Engagement der Schulleiterin und der Elternschaft ist es zu verdanken, dass die Räumlichkeiten jährlich nach den Regenfällen renoviert werden – durch sie selbst. Sogar der Rohbau eines neuen Klassengebäudes aus Stein wurde durch die Eltern finanziert. „Diese Einsatzbereitschaft hat uns tief beeindruckt“, erzählt Birgit Stifter. „In dem Viertel, in dem die Schülerinnen und Schüler mit ihren Eltern leben, reiht sich Wellblechhütte an Wellblechhütte. Und trotzdem bringen sie irgendwie die finanziellen Mittel auf, damit ihre Kinder zur Schule gehen können. Da wir wissen, dass Bildungsarmut die Gesundheit nachhaltig beeinträchtigt, prüfen wir gemeinsam mit unserer Partnerorganisation, welche Förderungsmöglichkeiten es für die Schule gibt.“ Zeitgleich sollen, ähnlich wie in den anderen Einsatzländern des Friedensdorfes, weitere Optionen geprüft werden, wie dem hohen Bedarf an medizinischer Hilfe vor Ort begegnet werden kann. Denn so sehr sich die Mitarbeitenden des Friedensdorfes in Oberhausen über ein Wiedersehen mit Laurinda und den anderen Kindern freuen, schöner wäre es doch, wenn sie zuhause, in ihrer Heimat behandelt werden könnten.

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