Ganz nah dran: Unterwegs in Tadschikistan
Es sind die Begegnungen mit den Menschen, die einer Projektreise ein Gesicht geben. Die Gespräche, die Eindrücke – und die Momente, in denen unmittelbar spürbar wird, was Hilfe bewirken kann.
Friedensdorf-Mitarbeiterin Claudia Peppmüller ist in der Zeit vom18. bis zum 27. September 2026 nach Tadschikistan gereist. Gemeinsam mit unserem Partner Firdavs begleitete sie im Süden und Osten des Landes die Verteilung von Lebensmittelpaketen an Menschen, die dringend Unterstützung benötigen.
Die Lebensmittelhilfe wird vom Friedensdorf finanziert, eingekauft wird bewusst direkt vor Ort. Mehl, Öl, Reis, Nudeln, Tee, Zucker, Salz und Seife gehören unter anderem zu den Paketen – ganz alltägliche Dinge, die für viele Familien eine wertvolle Hilfe bedeuten.
Doch hinter jedem Paket stehen Menschen und ihre Geschichten. In ihrem Reisebericht nimmt Claudia uns mit nach Tadschikistan und erzählt von persönlichen Begegnungen, bewegenden Momenten und davon, wie die Hilfe des Friedensdorfes vor Ort ankommt.
Freitag, 25. September, Jilikul:
Im vergangenen Jahr haben wir Niloufar und ihre Familie in Jilikul kennengelernt. Damals hatte ihr Vater Nurali gerade erfahren, dass er an Krebs erkrankt ist. Gleichzeitig braucht sein heute 15-jähriger, schwer behinderter Sohn rund um die Uhr Pflege. Er kann nicht laufen und verbringt sein Leben ausschließlich im Bett.
Ein Jahr später sind wir wieder da.
Nurali wurde inzwischen mehrfach in Duschanbe operiert und hat eine Chemotherapie hinter sich. Er ist deutlich geschwächt. Zeitweise hatte die Familie sogar überlegt, ihr Haus zu verkaufen und nach Duschanbe zu ziehen. Doch sie hat sich entschieden zu bleiben und alles dafür zu tun, ihr Zuhause zu behalten.
Mittendrin steht Niloufar. Sie ist Krankenschwester, geht weiterhin arbeiten und kümmert sich gleichzeitig um ihren Bruder.
„Ich kann mich leider nicht teilen“, sagt sie.
Unterstützung bekommt die Familie auch von Niloufars Schwester, die nur eine Straße weiter wohnt und regelmäßig vorbeikommt. So versucht die Familie gemeinsam, Pflege, Alltag und finanzielle Sorgen zu bewältigen.
Und trotzdem wird auch gelacht. Bei unserem Besuch ist Niloufars Neffe dabei. Nurali erzählt uns stolz, dass der Junge praktisch die Preise im ganzen Ort im Kopf hat: Er weiß, wo etwas günstiger ist, wo es Angebote gibt und wo sich der Einkauf lohnt. Wenn es ums Sparen geht, macht ihm offenbar so schnell niemand etwas vor.
Auch Niloufars dreijährige Tochter wächst mitten in dieser Familie auf. Für sie gehören ihr schwer behinderter Onkel und ihr kranker Großvater ganz selbstverständlich dazu.
Vielleicht ist es genau das, was von diesem Wiedersehen bleibt: Eine Familie, die nicht alle ihre Probleme lösen kann – aber versucht, sie gemeinsam zu tragen.

Mittwoch, 23. September, Bokthar:
36 Grad heute in Bokhtar – für uns ziemlich heiß, für die Menschen hier nach einem Sommer mit gut zehn Grad mehr fast schon angenehm. Bokhtar, früher Kurgan-Tyube, ist die größte Stadt im Süden Tadschikistans.
Hier besuchen wir Frau Muschkiniso. Mit ihrer Organisation „Parastu“ gehört sie seit 2010 zum Netzwerk unserer Partnerorganisation. Auf ihrem Gelände werden heute die von Friedensdorf International finanzierten Lebensmittel verteilt.
Unter den vielen Familien ist die 15-jährige Sarnigor. Noch vor drei Jahren konnte sie ganz normal laufen. Seitdem hat sich eine schwere Skoliose entwickelt – eine Verkrümmung der Wirbelsäule, die inzwischen so stark ausgeprägt ist, dass sie nicht mehr selbstständig gehen kann. Ihre Mutter hat sie heute zur Verteilung getragen. Sarnigor wollte unbedingt mitkommen.
Die Familie wusste lange nicht, wohin sie sich wenden sollte. Sie hatte immer wieder gehört, dass eine Skoliose nicht behandelt werden könne, und ging deshalb davon aus, dass es in Tadschikistan keine Behandlungsmöglichkeit gibt.
Dann erzählt die Mutter von Sarnigors zehnjähriger Schwester Schukrona. Sie ist heute nicht dabei, doch auch bei ihr zeigen sich offenbar erste Anzeichen einer Skoliose.
Und plötzlich geht es nicht mehr nur um Lebensmittel.
Noch vor Ort wird telefoniert. Unser Partner nennt der Familie eine Adresse in Duschanbe, wo Schukrona kostenlos untersucht und behandelt werden kann. Dieses Mal soll keine wertvolle Zeit verloren gehen.
Wir wissen nicht, welchen Weg Schukrona vor sich hat. Aber ihre Familie weiß jetzt, wohin sie sich wenden kann.
Vielleicht ist auch das gelebte Solidarität: hinzuhören, wenn plötzlich eine andere Not sichtbar wird – und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

Dienstag, 22. September, Kulob, Berg-Badachschan:
Das ist der zwölfjährige Alijan. Er lebt mit seinen Eltern und Geschwistern in zwei einfachen Räumen. Dass die Familie dafür derzeit keine Miete bezahlen muss, ist ein großes Glück – denn ein eigenes Einkommen hat sie momentan nicht. Ein Onkel unterstützt die Familie finanziell.
Alijan benötigt aufgrund seiner Behinderung intensive Pflege. Windeln, Medikamente und alles, was für seine Versorgung notwendig ist, kosten die Familie nach eigenen Angaben rund 200 Euro im Monat. Vom Staat erhält Alijan zwar einen kleinen finanziellen Zuschuss, doch dieser deckt nur einen Teil der tatsächlichen Pflegekosten.
Und dann trifft die Familie ein weiteres Unglück: Alijans Vater ist schwer gestürzt und hat sich dabei an der Wirbelsäule verletzt. Eigentlich müsste er operiert werden, doch für die Behandlung fehlt das Geld. Während unseres Besuchs liegt er im Nebenraum. Inzwischen kann er wieder ein wenig aufstehen, darf sich jedoch nicht belasten. Nach Angaben der Familie könnte eine weitere schwere Belastung seiner verletzten Wirbelsäule gravierende Folgen haben.
Damit ist der Vater unabsehbar als Versorger der Familie ausgefallen. Kein eigenes Einkommen, hohe Pflegekosten für Alijan und gleichzeitig ein Vater, der selbst dringend medizinische Hilfe benötigt.
Auch diese Familie freut sich sehr über die Lebensmittel Sie können die großen Probleme der Familie nicht lösen. Aber sie nehmen ihr zumindest für eine gewisse Zeit eine ganz elementare Sorge ab: Wie bekommen wir unsere Familie satt?

Dienstag, 22. September, Kulob, Chatlon:
Omidjon – wenn plötzlich alles an einer Mutter hängt
Gestern haben wir Badachschan verlassen und nach neuneinhalb Stunden Fahrt Kulob erreicht. Heute Morgen besuchen wir eine Familie, die von einem Projekt für Kinder mit Behinderungen begleitet wird.
Omidjon ist 18 Jahre alt und lebt mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in einer kleinen Einraumwohnung. Sein Vater lebt nicht bei der Familie. Im Alltag ist seine Mutter mit den Kindern allein und versucht, mit einem sehr geringen Einkommen für sie zu sorgen.
Omidjon kann aufgrund seiner Behinderung nur liegen. Sein Alltag spielt sich vollständig auf dem Boden dieses einen Raumes ab. Seine Versorgung bedeutet nicht nur viel Verantwortung, sondern auch zusätzliche Kosten: Windeln, Medikamente und die tägliche Pflege müssen finanziert werden.
Auch die Wohnverhältnisse sind schwierig. Der Raum ist nicht isoliert, eine Heizung gibt es nicht. Im Sommer wird es über 40 Grad heiß, im Winter bitterkalt.
Frau Kalimasu und ihr Team begleiten Omidjon und unterstützen die Familie. Auch die von Friedensdorf International finanzierten Lebensmittel bedeuten für eine Zeit eine Sorge weniger.
Als seine Mutter die vielen Lebensmittel sieht und erfährt, dass Menschen aus Deutschland diese Hilfe ermöglichen, beginnt sie bitterlich zu weinen.
Und dann ist da Omidjons jüngere Schwester. Ganz selbstverständlich streicht sie ihrem großen Bruder liebevoll über den Kopf und achtet darauf, dass auch wir ihn wahrnehmen.
Eine kleine Geste, die viel über die Familie erzählt – und über Hilfe, die über viele Kilometer hinweg verbindet.


Montag, 21. September, Chorugh, Berg-Badachschan:
Sabohats kleine Schwester ist gerade einmal sieben Monate alt. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt. Der Vater arbeitete zu dieser Zeit im Ausland – und plötzlich stand die Familie vor der Frage, wie es weitergehen sollte.
Auch die Großmutter trägt bereits viel Verantwortung: Sie kümmert sich um ihren stark beeinträchtigten und pflegebedürftigen Sohn, der mit im Haushalt lebt. Die Hilfsorganisation vor Ort überlegte deshalb, ob es eine Entlastung für die Familie wäre, das Baby in Obhut zu nehmen.
Doch die achtjährige Sabohat wollte ihre kleine Schwester nicht hergeben. Sie setzte sich dafür ein, dass das Baby bei der Familie bleibt: „Ich möchte, dass meine Schwester bei mir bleibt.“
Bei unserem Besuch erleben wir, wie liebevoll die Familie mit der Kleinen umgeht. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, wie viel Verantwortung diese Situation gerade auch für ein junges Mädchen wie Sabohat bedeutet.
Auch diese Familie erhält Lebensmittel aus der von Friedensdorf International finanzierten Hilfe. Sie können nicht alle Sorgen nehmen – aber zumindest für eine Zeit den Alltag etwas erleichtern.

Montag, 21. September, Chorugh, Berg-Badachschan:
Niloufar – sieben Jahre alt
Niloufar lebt mit ihren Eltern und ihrem 15-jährigen Bruder in einem kleinen gemieteten Haus. Durch ein undichtes Dach und eine kaputte Wasserleitung ist es feucht, schwarzer Schimmel zieht sich durch die Räume. Ihre Mutter arbeitet als Putzfrau, ihr Vater als Tagelöhner – das Einkommen reicht kaum, um jeden Monat über die Runden zu kommen.
Niloufar erleben wir als unglaublich lebhaft und voller Energie. Umso berührender ist ein Moment mit ihrem schüchternen Bruder: Er nimmt seine Gitarre und beginnt zu spielen, hochkonzentriert und ganz in der Musik versunken. Niloufar setzt sich neben ihn, nimmt ihre kleine Spielzeuggitarre und klopft im Takt darauf. Plötzlich wird sie ganz ruhig. Fast scheint es, als würde ihr Bruder sie mit seiner Musik für einen Moment einfangen.
Einmal jährlich finanziert Friedensdorf International Lebensmittel für besonders bedürftige Familien in Tadschikistan. Für Niloufars Familie ist es die erste Unterstützung. Auf ihre Not aufmerksam gemacht hat ein älterer Mann aus derselben Straße, dessen Familie selbst Lebensmittelhilfe erhielt. Als er schwer erkrankte und zur Pflege wegzog, wies er auf Niloufars Familie hin.
Vielleicht zeigt gerade das, was Hilfe auch bedeutet: selbst wenig zu haben und trotzdem den Blick für andere nicht zu verlieren.



Samstag, 19. September, Duschanbe:
Mitten in der Nacht sind wir in Duschanbe angekommen – gemeinsam mit vier Kindern, die nach ihrer Behandlung endlich wieder bei ihren Familien sind.
Am Flughafen warteten Mütter, Väter, Geschwister, Tanten, Onkel und Cousinen. Es wurde gedrückt, geküsst und gelacht – die Freude über das Wiedersehen war riesengroß.
Ein besonders berührender Moment: Ein Mädchen, das wir vor genau einem Jahr nach Tadschikistan zurückgebracht haben und das hier weiterhin intensiv medizinisch versorgt wird, konnte nicht selbst zum Flughafen kommen. Ihre Tante holte die lebenswichtigen Medikamente ab, die wir aus Deutschland mitgebracht hatten, und schaltete sie per Video dazu. So gab es zumindest schon einmal ein erstes Wiedersehen.
Die medizinische Hilfe endet für viele Kinder nicht mit ihrer Rückkehr. Seit Jahrzehnten unterstützen wir die Nachversorgung in ihren Heimatländern mit benötigten Medikamenten und medizinischen Hilfsmitteln.
Und für uns geht es bereits weiter: Viele Stunden Autofahrt liegen vor uns auf dem Weg nach Badachschan. Dort starten wir mit der Verteilung von Lebensmitteln.
Die Kinder kehren nach Hause zurück – unsere Hilfe geht weiter.



