Samstag, 19. September
Mitten in der Nacht sind wir in Duschanbe angekommen – gemeinsam mit vier Kindern, die nach ihrer Behandlung endlich wieder bei ihren Familien sind.
Am Flughafen warteten Mütter, Väter, Geschwister, Tanten, Onkel und Cousinen. Es wurde gedrückt, geküsst und gelacht – die Freude über das Wiedersehen war riesengroß.
Ein besonders berührender Moment: Ein Mädchen, das wir vor genau einem Jahr nach Tadschikistan zurückgebracht haben und das hier weiterhin intensiv medizinisch versorgt wird, konnte nicht selbst zum Flughafen kommen. Ihre Tante holte die lebenswichtigen Medikamente ab, die wir aus Deutschland mitgebracht hatten, und schaltete sie per Video dazu. So gab es zumindest schon einmal ein erstes Wiedersehen.
Die medizinische Hilfe endet für viele Kinder nicht mit ihrer Rückkehr. Seit Jahrzehnten unterstützen wir die Nachversorgung in ihren Heimatländern mit benötigten Medikamenten und medizinischen Hilfsmitteln.
Und für uns geht es bereits weiter: Viele Stunden Autofahrt liegen vor uns auf dem Weg nach Badachschan. Dort starten wir mit der Verteilung von Lebensmitteln.
Die Kinder kehren nach Hause zurück – unsere Hilfe geht weiter.



Sonntag, 20. September
Sabohats kleine Schwester ist gerade einmal sieben Monate alt. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt. Der Vater arbeitete zu dieser Zeit im Ausland – und plötzlich stand die Familie vor der Frage, wie es weitergehen sollte.
Auch die Großmutter trägt bereits viel Verantwortung: Sie kümmert sich um ihren stark beeinträchtigten und pflegebedürftigen Sohn, der mit im Haushalt lebt. Die Hilfsorganisation vor Ort überlegte deshalb, ob es eine Entlastung für die Familie wäre, das Baby in Obhut zu nehmen.
Doch die achtjährige Sabohat wollte ihre kleine Schwester nicht hergeben. Sie setzte sich dafür ein, dass das Baby bei der Familie bleibt: „Ich möchte, dass meine Schwester bei mir bleibt.“
Bei unserem Besuch erleben wir, wie liebevoll die Familie mit der Kleinen umgeht. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, wie viel Verantwortung diese Situation gerade auch für ein junges Mädchen wie Sabohat bedeutet.
Auch diese Familie erhält Lebensmittel aus der von Friedensdorf International finanzierten Hilfe. Sie können nicht alle Sorgen nehmen – aber zumindest für eine Zeit den Alltag etwas erleichtern.

Montag, 21. September
Omidjon – wenn plötzlich alles an einer Mutter hängt
Gestern haben wir Badachschan verlassen und nach neuneinhalb Stunden Fahrt Kulob erreicht. Heute Morgen besuchen wir eine Familie, die von einem Projekt für Kinder mit Behinderungen begleitet wird.
Omidjon ist 18 Jahre alt und lebt mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in einer kleinen Einraumwohnung. Sein Vater lebt nicht bei der Familie. Im Alltag ist seine Mutter mit den Kindern allein und versucht, mit einem sehr geringen Einkommen für sie zu sorgen.
Omidjon kann aufgrund seiner Behinderung nur liegen. Sein Alltag spielt sich vollständig auf dem Boden dieses einen Raumes ab. Seine Versorgung bedeutet nicht nur viel Verantwortung, sondern auch zusätzliche Kosten: Windeln, Medikamente und die tägliche Pflege müssen finanziert werden.
Auch die Wohnverhältnisse sind schwierig. Der Raum ist nicht isoliert, eine Heizung gibt es nicht. Im Sommer wird es über 40 Grad heiß, im Winter bitterkalt.
Frau Kalimasu und ihr Team begleiten Omidjon und unterstützen die Familie. Auch die von Friedensdorf International finanzierten Lebensmittel bedeuten für eine Zeit eine Sorge weniger.
Als seine Mutter die vielen Lebensmittel sieht und erfährt, dass Menschen aus Deutschland diese Hilfe ermöglichen, beginnt sie bitterlich zu weinen.
Und dann ist da Omidjons jüngere Schwester. Ganz selbstverständlich streicht sie ihrem großen Bruder liebevoll über den Kopf und achtet darauf, dass auch wir ihn wahrnehmen.
Eine kleine Geste, die viel über die Familie erzählt – und über Hilfe, die über viele Kilometer hinweg verbindet.

Dienstag, 22. September
Das ist der zwölfjährige Alijan. Er lebt mit seinen Eltern und Geschwistern in zwei einfachen Räumen. Dass die Familie dafür derzeit keine Miete bezahlen muss, ist ein großes Glück – denn ein eigenes Einkommen hat sie momentan nicht. Ein Onkel unterstützt die Familie finanziell.
Alijan benötigt aufgrund seiner Behinderung intensive Pflege. Windeln, Medikamente und alles, was für seine Versorgung notwendig ist, kosten die Familie nach eigenen Angaben rund 200 Euro im Monat. Vom Staat erhält Alijan zwar einen kleinen finanziellen Zuschuss, doch dieser deckt nur einen Teil der tatsächlichen Pflegekosten.
Und dann trifft die Familie ein weiteres Unglück: Alijans Vater ist schwer gestürzt und hat sich dabei an der Wirbelsäule verletzt. Eigentlich müsste er operiert werden, doch für die Behandlung fehlt das Geld. Während unseres Besuchs liegt er im Nebenraum. Inzwischen kann er wieder ein wenig aufstehen, darf sich jedoch nicht belasten. Nach Angaben der Familie könnte eine weitere schwere Belastung seiner verletzten Wirbelsäule gravierende Folgen haben.
Damit ist der Vater unabsehbar als Versorger der Familie ausgefallen. Kein eigenes Einkommen, hohe Pflegekosten für Alijan und gleichzeitig ein Vater, der selbst dringend medizinische Hilfe benötigt.
Auch diese Familie freut sich sehr über die Lebensmittel Sie können die großen Probleme der Familie nicht lösen. Aber sie nehmen ihr zumindest für eine gewisse Zeit eine ganz elementare Sorge ab: Wie bekommen wir unsere Familie satt?

Mittwoch, 23. September
36 Grad heute in Bokhtar – für uns ziemlich heiß, für die Menschen hier nach einem Sommer mit gut zehn Grad mehr fast schon angenehm. Bokhtar, früher Kurgan-Tyube, ist die größte Stadt im Süden Tadschikistans.
Hier besuchen wir Frau Muschkiniso. Mit ihrer Organisation „Parastu“ gehört sie seit 2010 zum Netzwerk unserer Partnerorganisation. Auf ihrem Gelände werden heute die von Friedensdorf International finanzierten Lebensmittel verteilt.
Unter den vielen Familien ist die 15-jährige Sarnigor. Noch vor drei Jahren konnte sie ganz normal laufen. Seitdem hat sich eine schwere Skoliose entwickelt – eine Verkrümmung der Wirbelsäule, die inzwischen so stark ausgeprägt ist, dass sie nicht mehr selbstständig gehen kann. Ihre Mutter hat sie heute zur Verteilung getragen. Sarnigor wollte unbedingt mitkommen.
Die Familie wusste lange nicht, wohin sie sich wenden sollte. Sie hatte immer wieder gehört, dass eine Skoliose nicht behandelt werden könne, und ging deshalb davon aus, dass es in Tadschikistan keine Behandlungsmöglichkeit gibt.
Dann erzählt die Mutter von Sarnigors zehnjähriger Schwester Schukrona. Sie ist heute nicht dabei, doch auch bei ihr zeigen sich offenbar erste Anzeichen einer Skoliose.
Und plötzlich geht es nicht mehr nur um Lebensmittel.
Noch vor Ort wird telefoniert. Unser Partner nennt der Familie eine Adresse in Duschanbe, wo Schukrona kostenlos untersucht und behandelt werden kann. Dieses Mal soll keine wertvolle Zeit verloren gehen.
Wir wissen nicht, welchen Weg Schukrona vor sich hat. Aber ihre Familie weiß jetzt, wohin sie sich wenden kann.
Vielleicht ist auch das gelebte Solidarität: hinzuhören, wenn plötzlich eine andere Not sichtbar wird – und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.
