Was bedeutet Frieden in einer Zeit, in der Kriege, Aufrüstung und nukleare Bedrohungen wieder die internationalen Schlagzeilen bestimmen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Akira Kawasaki seit mehr als drei Jahrzehnten. Als Mitglied des Executive Committee von Peace Boat sowie Präsident und Mitglied der International Steering Group der International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (ICAN) setzt er sich weltweit für nukleare Abrüstung, Friedensbildung und internationale Zusammenarbeit ein.
Auch Friedensdorf International versteht Friedensarbeit seit seiner Gründung als Teil seines humanitären Auftrags. Neben der medizinischen Versorgung von Kindern aus Kriegs- und Krisengebieten gehört Friedensbildung seit Jahrzehnten zu den zentralen Aufgaben der Organisation. Mit dem Beitritt zu ICAN im Mai 2024 wurde dieses Engagement auch international weiter vertieft.

Zwischen Friedensdorf International und Peace Boat besteht seit vielen Jahren ein enger Austausch, getragen von gemeinsamen humanitären Werten und der Überzeugung, dass Friedensarbeit beim Menschen beginnt. Vor diesem Hintergrund sprach Friedensdorf International mit Akira Kawasaki über seinen Weg in die Friedensbewegung, Japans besondere Verantwortung als einziges Land, das Atombombenabwürfe erlebt hat, und warum humanitäres Handeln für ihn der Schlüssel zu dauerhaftem Frieden ist.
Der Weg in die Friedensbewegung
Akira Kawasaki wuchs in Tokio auf und hatte zunächst keinen direkten Bezug zu Hiroshima oder Nagasaki. Dennoch begegnete ihm das Thema Frieden schon früh. Als Schüler besuchte er gemeinsam mit seinem Vater die Gedenkveranstaltung zum 6. August in Hiroshima. Tausende Menschen versammelten sich im Friedenspark, um der Opfer des Atombombenabwurfs zu gedenken – ein Erlebnis, das ihn nachhaltig prägte, auch wenn es ihn zunächst noch nicht in die Friedensbewegung führte.
Den Wendepunkt erlebte Kawasaki Anfang der 1990er-Jahre während seines Studiums. Der Golfkrieg 1991 und die Debatte darüber, ob Japan erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg Truppen ins Ausland entsenden sollte, brachten ihn dazu, seine eigene Haltung zu hinterfragen. Während Teile der Politik eine aktivere militärische Rolle forderten, wollten viele Menschen am pazifistischen Grundgedanken der Nachkriegsverfassung festhalten.
„Ich war überzeugt, dass Japan ein Land bleiben sollte, das sich dem Frieden verpflichtet fühlt“, erinnert sich Kawasaki.
Statt den klassischen Berufsweg einzuschlagen, entschied er sich bewusst für die damals noch junge japanische NGO-Landschaft. Er engagierte sich in studentischen Friedensgruppen, arbeitete mit Aktivistinnen und Aktivisten zusammen, die bereits gegen den Vietnamkrieg protestiert hatten, und fand schließlich seinen Weg zu Peace People. 2003 wechselte er zu Peace Boat. Dort setzt er sich bis heute für Frieden, Dialog und internationale Zusammenarbeit ein.
Frieden braucht ein menschliches Gesicht
Für Akira Kawasaki beginnt Frieden nicht bei Staaten oder Militärstrategien, sondern beim Menschen. „Wenn wir über Frieden sprechen, denken viele zuerst an Staaten oder Regierungen. Aber im Mittelpunkt sollten die Menschen stehen.“ Aus seiner Sicht konzentriert sich die internationale Debatte zu häufig auf Abschreckung, Sicherheitspolitik und geopolitische Macht. Dabei gerieten diejenigen aus dem Blick, die Krieg und Gewalt unmittelbar erleben.
Für ihn machen Hiroshima und Nagasaki deutlich, warum diese Perspektive unverzichtbar ist. Die beiden Städte seien weit mehr als historische Erinnerungsorte. „Dort sieht man verbrannte Haut, lebenslange Strahlenschäden und Menschen, deren Leben für immer verändert wurde.“ Diese Erfahrungen müssten auch heute die Debatte über Atomwaffen prägen.
„Wenn alle Länder die humanitären Folgen von Atomwaffen wirklich verstehen würden, würde die Diskussion ganz anders verlaufen“, sagt er. Solange Atomwaffen vor allem als Instrument der Abschreckung und geopolitischen Macht betrachtet würden, gerate das menschliche Leid ihres Einsatzes in den Hintergrund.
Gerade deshalb sieht Kawasaki Japan in einer besonderen Verantwortung. Als einziges Land, das Atombombenabwürfe erlebt hat, müsse es die Perspektive der Opfer stärker in die internationale Diskussion einbringen. „Die Haltung der Regierung ist für mich sehr enttäuschend. Japan sollte eine viel aktivere Rolle übernehmen und über die humanitären Folgen von Atomwaffen sprechen“, meint Kawasaki. Umso wichtiger sei das Engagement der Zivilgesellschaft, der Hibakusha – der Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki – sowie zahlreicher Friedensorganisationen, die ihre Erfahrungen an kommende Generationen weitergeben. Diese humanitäre Perspektive verbindet für Kawasaki auch ICAN und Friedensdorf International. „Wenn ich die Fotos des Friedensdorfs sehe, erkenne ich nicht zuerst die Nationalität des Kindes. Ich sehe einen Menschen, der Hilfe braucht. Genau das verändert unseren Blick auf Krieg und Frieden.“ Während ICAN auf die Folgen von Atomwaffen aufmerksam macht, begegnet Friedensdorf International seit Jahrzehnten Kindern, deren Leben von Krieg geprägt wurde. Für Kawasaki beginnt glaubwürdige Friedensarbeit dort, wo die Würde des Menschen im Mittelpunkt steht.
Die nächste Generation für den Frieden gewinnen
Mehr als 80 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki steht die Friedensbewegung vor einer zentralen Frage: Wie lässt sich das Wissen über die humanitären Folgen von Krieg an eine Generation weitergeben, die diese Ereignisse nur noch aus Geschichtsbüchern kennt?
Für ihn liegt die Antwort in der Begegnung. „Die meisten jungen Menschen sind offen für das Thema Frieden. Ihnen fehlen aber oft Informationen und persönliche Begegnungen.“ Nicht Gleichgültigkeit sei das Problem, sondern die fehlende Möglichkeit, die menschlichen Folgen von Krieg unmittelbar nachzuvollziehen. Dadurch werde die Debatte über nukleare Abschreckung zunehmend auf sicherheitspolitische Fragen reduziert.
Deshalb misst Kawasaki den Berichten der Hibakusha eine besondere Bedeutung bei. Wenn junge Menschen ihre Geschichten hören, werde Geschichte greifbar. Aus historischen Ereignissen würden persönliche Schicksale, die zum Nachdenken anregen und Mitgefühl wecken. „Wenn junge Menschen erkennen, dass die Hibakusha zur Generation ihrer eigenen Großeltern gehören, wird Geschichte plötzlich persönlich.“
Hiroshima und Nagasaki zeigen für Kawasaki, wie nachhaltig Friedensbildung wirken kann. Viele junge Menschen, die sich heute in Organisationen wie ICAN engagieren, seien bereits in der Schule mit den Erfahrungen der Hibakusha in Berührung gekommen. Dieses frühe Bewusstsein habe bei vielen den Wunsch geweckt, sich selbst für Frieden und nukleare Abrüstung einzusetzen.
Doch Friedensbildung dürfe nicht auf wenige Orte beschränkt bleiben. Bildungsangebote, Jugendprogramme und internationale Begegnungen seien entscheidend, um auch außerhalb Hiroshimas und Nagasakis langfristiges Engagement zu fördern. Denn Frieden entsteht, so macht Kawasaki deutlich, nicht allein durch internationale Verträge oder politische Entscheidungen. Er beginnt dort, wo Wissen vermittelt, Empathie geweckt und Verantwortung übernommen wird.
Gemeinsam für den Frieden
Auf die Frage, wie die Zusammenarbeit zwischen Friedensdorf International, Peace Boat und ICAN in Zukunft aussehen könnte? Für Akira Kawasaki beginnt sie nicht mit neuen Strukturen oder formellen Partnerschaften, sondern mit Begegnungen zwischen Menschen. Friedensarbeit, davon ist er überzeugt, lebt vom Austausch unterschiedlicher Erfahrungen und Perspektiven.
Eine Idee liegt ihm dabei besonders am Herzen. „Vielleicht könnten ehemalige Friedensdorf-Kinder gemeinsam mit Hibakusha und jungen Menschen an Bord der Peace Boat ihre Erfahrungen teilen.“ Auch Mitarbeitende und Ehrenamtliche der verschiedenen Organisationen könnten voneinander lernen, gemeinsame Projekte entwickeln und neue Impulse für ihre Friedensarbeit mitnehmen. Jugendprogramme und internationale Austauschformate böten dafür einen wichtigen Rahmen.
Kawasaki möchte Menschen zusammenbringen, die Krieg aus unterschiedlichen Blickwinkeln erlebt haben: ehemalige Patientinnen und Patienten des Friedensdorfs, Überlebende der Atombombenabwürfe, Vertreterinnen und Vertreter humanitärer Organisationen sowie junge Menschen an Bord der Peace Boat. Im gemeinsamen Dialog könnten sie über die Folgen von Krieg sprechen und darüber, welche Verantwortung jede Generation für den Frieden trägt.

Trotz der zahlreichen Krisen und bewaffneten Konflikte weltweit blickt Kawasaki optimistisch nach vorn. Frieden, sagt er, sei kein Zustand, der eines Tages erreicht werde, sondern ein fortlaufender Prozess. Jeder Mensch, der sich für Dialog, Mitmenschlichkeit und gegenseitiges Verständnis einsetzt, leiste seinen Beitrag. Genau darin sieht er die gemeinsame Stärke von Friedensdorf International, Peace Boat und ICAN: Sie zeigen auf unterschiedliche Weise, dass Frieden dort beginnt, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen.
„Frieden beginnt beim Menschen”
Am Ende des Gesprächs wird deutlich: Für Akira Kawasaki ist Frieden kein fernes politisches Ideal, sondern eine Verantwortung, die im Alltag beginnt. Ob durch humanitäre Hilfe, Friedensbildung oder den Einsatz für nukleare Abrüstung – entscheidend ist für ihn, den Menschen hinter jedem Konflikt zu sehen.
Gerade darin begegnen sich Friedensdorf International, Peace Boat und ICAN. Jede Organisation verfolgt ihren eigenen Ansatz, doch alle verbindet das Ziel, menschliches Leid sichtbar zu machen und daraus Verantwortung für die Zukunft abzuleiten. Während Friedensdorf International Kindern aus Kriegs- und Krisengebieten medizinische Hilfe und neue Perspektiven ermöglicht, setzt sich ICAN für eine Welt ohne Atomwaffen ein und Peace Boat schafft Räume für Dialog und internationale Verständigung.
„Frieden beginnt beim Menschen.“ Dieser Satz zog sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gespräch. Er erinnert daran, dass Frieden nicht allein durch politische Entscheidungen oder internationale Abkommen entsteht. Er wächst überall dort, wo Menschen einander begegnen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam handeln.
Hintergrund:
Mara Peppmüller arbeitet seit vielen Jahren ehrenamtlich für das Friedensdorf International. Seit sie in Japan lebt und studiert, versucht sie auch dort uns zu unterstützen. In dessen Zuge hat sie auch Akira Kawasaki getroffen.
