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Fünf Jahre nach der Machtübernahme – Afghanistan ist nicht schwarz oder weiß

Am 15. August 2021 übernahmen die Taliban in Afghanistan die Macht. Wir waren damals selbst in Kabul und haben erlebt, wie sich das Land innerhalb weniger Tage veränderte. Fünf Jahre später waren wir gerade wieder dort.

Wenn heute über Afghanistan gesprochen wird, richtet sich der Blick häufig auf die Situation von Mädchen und Frauen. Dafür gibt es gute Gründe. Besonders die fehlende Möglichkeit für Mädchen, nach der sechsten Klasse weiter zur Schule zu gehen, sehen auch wir mit großer Sorge.

Gleichzeitig erleben wir auf unseren Reisen, dass sich der Alltag von Frauen nicht überall gleich darstellt. In Kabul begegnen uns Frauen im öffentlichen Raum und in unterschiedlichen Berufen. Gerade erst besuchten wir dort eine staatliche Grundschule mit mehr als 1.100 Schülerinnen und Schülern, deren gesamtes Kollegium aus Frauen besteht. In den Provinzen können die Lebenswirklichkeiten wiederum ganz andere sein.

Auch beim Thema Bildung gibt es Widersprüche. Mütter aus den Provinzen haben uns erzählt, dass sie ihre Kinder seit dem Ende der jahrelangen Kämpfe wieder zur Schule schicken – auch ihre Töchter. Zuvor waren Angst vor Anschlägen, Entführungen und die unsichere Lage für manche Familien Gründe, dies nicht zu tun. Dass Mädchen heute dort eine Grundschule besuchen, wo dies früher nicht möglich war, ist gut. Dass ihnen nach der sechsten Klasse eine weiterführende Bildung verwehrt wird, ist es nicht.

Doch unser Blick richtet sich vor allem auf eine andere Frage: Was brauchen Kinder und ihre Familien, damit sich ihre Lebensbedingungen dauerhaft verbessern?

Seit 1988 arbeiten wir mit dem Afghanischen Roten Halbmond zusammen – über politische Umbrüche, Regierungswechsel und Jahrzehnte des Krieges hinweg. Eine Erfahrung der vergangenen fünf Jahre gehört für uns ebenfalls zu einer ehrlichen Bilanz: Die Zusammenarbeit mit dem Afghanischen Roten Halbmond ist enger denn je.

Erst in diesen Jahren konnten wir unsere gemeinsame Projektarbeit in Afghanistan deutlich ausbauen. Unsere Partner sind im ganzen Land dort im Einsatz, wo Menschen Hilfe brauchen: nach Naturkatastrophen, bei medizinischen Notlagen, für Familien in großer Armut und für Menschen, die nach Afghanistan zurückkehren und häufig vor dem Nichts stehen.

Wir erleben dabei ein großes Interesse daran, gemeinsam konkrete Lösungen zu finden. Projekte werden miteinander besprochen, vorbereitet und umgesetzt. Grundlage dafür sind Verlässlichkeit, gegenseitiger Respekt und das gemeinsame Ziel, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.

Gemeinsam versuchen wir nicht nur zu helfen, wenn ein Kind bereits schwer erkrankt ist. Wir wollen Bedingungen schaffen, die dazu beitragen, dass Krankheiten und Not möglichst gar nicht erst entstehen.

Dazu gehört eine bessere medizinische Versorgung. Unsere mobile Klinik bringt ärztliche Hilfe zu Menschen, für die sie sonst kaum erreichbar wäre. Wir finanzieren Operationen für Kinder in Afghanistan, stellen Medikamente bereit und arbeiten mit unseren Partnern daran, medizinische Möglichkeiten vor Ort weiterzuentwickeln.

Dazu gehört sauberes Wasser. Durch Brunnenprojekte erhalten Familien nicht nur Zugang zu sicherem Trinkwasser. Wasser ermöglicht ihnen auch, wieder Gärten anzulegen, Lebensmittel anzubauen und sich eine Lebensgrundlage zu schaffen.

Dazu gehört Ernährung. Mit Projekten wie der Verteilung von Hühnern an Familien wollen wir dazu beitragen, die Ernährung von Kindern langfristig zu verbessern und Familien ein Stück unabhängiger zu machen. Kriege und Konflikte in und um die Region erschweren derzeit die Beschaffung und Umsetzung. Gemeinsam mit unseren Partnern suchen wir deshalb bereits nach Alternativen, damit das Projekt fortgesetzt werden kann.

Und dazu gehört die Hilfe nach Naturkatastrophen. Überschwemmungen und Erdbeben können Familien innerhalb weniger Minuten nahezu alles nehmen. Gemeinsam mit unseren Partnern leisten wir in solchen Situationen Soforthilfe. Für einen wirklichen Wiederaufbau fehlen uns die Möglichkeiten. Mit mehr finanzieller Unterstützung könnten wir jedoch anschließend gezielt Projekte umsetzen, die die Lebensbedingungen dauerhaft verbessern – beispielsweise Brunnen für sauberes Trinkwasser.

Die große Armut bleibt dabei eine der größten Herausforderungen. Sie entscheidet darüber, ob ein Kind ausreichend zu essen bekommt, ob eine Familie eine medizinische Behandlung bezahlen kann und welche Zukunftsmöglichkeiten überhaupt bestehen.

Auch die Sicherheitslage hat sich gegenüber den langen Jahren des Krieges verändert. Menschen können sich in vielen Regionen wieder freier bewegen, und auch unsere Teams können heute Gebiete erreichen, die für uns früher kaum bereisbar waren. Die aktuellen Konflikte und Spannungen in und um Afghanistan zeigen allerdings, wie zerbrechlich diese Sicherheit bleibt.

Friedensdorf arbeitet seit Jahrzehnten in Ländern mit sehr unterschiedlichen politischen Systemen und gesellschaftlichen Bedingungen. Dabei gilt für uns überall derselbe Grundsatz: Humanitäre Zusammenarbeit bedeutet keine politische Zustimmung.

Wer aber Lebensbedingungen nachhaltig verbessern will, braucht verlässliche Partner vor Ort, gegenseitiges Vertrauen und Dialog.

Genau das erleben wir in Afghanistan. Ohne den Afghanischen Roten Halbmond könnten wir einen großen Teil unserer Hilfe nicht umsetzen.

Fünf Jahre nach der Machtübernahme ist Afghanistan ein Land mit großen Problemen und vielen Widersprüchen. Aber Afghanistan ist mehr als seine Regierung.

Unser Auftrag bleibt derselbe: Kindern medizinische Hilfe ermöglichen und gemeinsam mit unseren Partnern Lebensbedingungen schaffen, die Familien eine Perspektive in ihrem eigenen Land geben.

Dafür braucht es nicht weniger, sondern mehr Unterstützung. Viele weitere Projekte wären möglich – wenn die notwendigen Mittel dafür vorhanden wären.

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