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Der Afghanistan-Blog

Mittwoch, 12. August:

Bei unserem erneuten Besuch der mobilen Klinik in Pole Chahi Tangi Gharo haben wir gesehen, wie wichtig medizinische Basisversorgung direkt vor Ort ist. Erkrankungen und Verletzungen sollen möglichst früh behandelt werden – auch um zu verhindern, dass sich aus Wunden schwere Infektionen oder Knochenentzündungen entwickeln.

Während unserer Untersuchung der Kinder in Kabul war bei fünf Kindern der Zustand so kritisch, dass sie sofort in einer unserer Partnerkliniken aufgenommen und operiert wurden. Inzwischen haben wir sie besucht: Die Operationen sind gut verlaufen. Ein Mädchen liegt noch auf der Intensivstation, die anderen Kinder werden weiterhin engmaschig betreut.

Auch ehemalige Friedensdorf-Kinder haben wir in einer weiteren Partnerklinik getroffen. Dort können unter anderem urologische und nephrologische sowie orthopädische und unfallchirurgische Erkrankungen behandelt werden.

Doch es gibt Grenzen: Besonders bei schweren Knochenentzündungen ist eine intensive Nachversorgung entscheidend, die vor Ort nicht immer sichergestellt werden kann. Diese Kinder müssen wir weiterhin zur Behandlung nach Deutschland bringen.

So greifen unsere Hilfen ineinander: Basisversorgung durch die mobile Klinik, spezialisierte Operationen in Afghanistan und die Behandlung besonders komplexer Fälle in Deutschland.

Möglich ist diese Hilfe nur durch Spenden, mit denen wir auch die Operationen der Kinder in Afghanistan finanzieren.

Samstag, 8. August:

Solidarität, die ankommt

Manche Familien kamen mitten in der Nacht. Andere standen bereits gegen drei Uhr morgens vor den Toren des Afghanischen Roten Halbmondes, um eine Nummer für den Tag zu bekommen.

In den vergangenen Tagen kamen täglich mehrere hundert Menschen mit ihren kranken und verletzten Kindern zu uns. Viele hatten weite Wege hinter sich. Manche Familien verbrachten sogar die Nacht auf dem Gelände des Afghanischen Roten Halbmondes und nutzten die kleinen Grünflächen zum Warten und Schlafen.

Und mitten in diesen anstrengenden Tagen haben wir eine besondere Form der Solidarität erlebt.

In Absprache mit unserem langjährigen Partner, dem Afghanischen Roten Halbmond, versorgte der Türkische Rote Halbmond die wartenden Familien drei Tage lang mit einem Mittagessen. Am letzten Tag gab es zusätzlich ein Frühstück.

Was das für die Menschen bedeutete, konnte man in ihren Gesichtern sehen. Die Ernährungssituation in Afghanistan ist für viele Familien äußerst schwierig. Wie wir bereits berichtet haben, begegnen uns bei unserer Arbeit zunehmend Kinder, die unterernährt sind. Umso mehr hat uns die Freude berührt, mit der die Familien diese Mahlzeiten angenommen haben.

Dieses Strahlen in den Augen der Kinder und ihrer Familien werden wir nicht vergessen.

Für uns war es ein wunderbares Beispiel dafür, wie Solidarität funktionieren kann: Organisationen arbeiten zusammen, sehen, was gerade gebraucht wird, und handeln.

Unser herzlicher Dank gilt dem Türkischen Roten Halbmond und unserem Partner, dem Afghanischen Roten Halbmond, für diese unkomplizierte und menschliche Zusammenarbeit.

Freitag, 7. August:

Nach einem Jahr: Wiedersehen mit Naqibullah

Als wir Naqibullah und seine Familie im vergangenen Jahr kennenlernten, waren die Sorgen um den Jungen groß. Nach mehreren erfolglosen Operationen wusste die Familie nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Gleichzeitig war da die Hoffnung, dass ihm doch noch geholfen werden könnte.

Umso bewegender war das Wiedersehen. Mit einem strahlenden Lächeln kam Naqibullah auf uns zu und zeigte uns voller Stolz, wie gut es ihm nach seiner urologischen Operation geht. Seine Freude war ansteckend – und auch seinen Eltern und Angehörigen war die Erleichterung deutlich anzusehen. Zu erleben, wie glücklich die ganze Familie heute ist, gehört zu den schönsten Momenten unserer Reise.

Sein Weg war lang. Bereits kurz nach seiner Geburt musste er wegen einer angeborenen Fehlbildung der Harnwege seine erste Operation erhalten. Doch der Eingriff war nicht erfolgreich. Zwei weitere Operationen folgten – und die Familie musste sich dafür sehr viel Geld leihen. Noch heute zahlt sie diese Schulden zurück.

Als der aufgeweckte Junge in unser Operationsprogramm aufgenommen wurde, waren weitere Behandlungen für seine Familie finanziell nicht mehr möglich. Die Operation in unserem Partnerkrankenhaus in Kabul verlief erfolgreich. Nun trainiert er seine Blase weiterhin regelmäßig, damit er sie künftig kontrolliert entleeren kann.

Heute sehen wir einen fröhlichen Jungen, der die Chance auf ein unbeschwerteres Leben erhalten hat. Solche Begegnungen zeigen uns immer wieder, wie viel sich verändern kann, wenn medizinische Hilfe dort möglich wird, wo sie dringend gebraucht wird.

Donnerstag, 6. August:

Vor zwei Jahren veränderte eine Flut in Bagram Gulsums Leben für immer.

Mitten in der Nacht überraschten die Fluten Gulsums Familie im Schlaf. Ihr Zuhause wurde von den Wassermassen zerstört. Beim Einsturz verletzte sich Gulsum schwer am Bein.

Die Flut nahm der Familie fast alles. Ihr Zuhause wurde zerstört, das Vieh, von dem sie lebte, ertrank. Es gab erste medizinische Behandlungsversuche. Für die notwendige weiterführende Therapie fehlten der Familie jedoch die finanziellen Möglichkeiten. Die Wunde wurde immer wieder verbunden – mehr war nicht möglich.

Heute, zwei Jahre später, wurde Gulsum unserem Team in Kabul vorgestellt. Aus der damals erlittenen Verletzung hat sich eine chronische Knochenentzündung entwickelt. Ohne die notwendige Behandlung kann sie weiter fortschreiten und im schlimmsten Fall dazu führen, dass Gulsum ihr Bein verliert.

Unser Team hat Gulsum heute für eine medizinische Behandlung in Deutschland ausgewählt. Dort soll sie die Behandlung erhalten, die ihr seit zwei Jahren fehlt – mit dem Ziel, die Knochenentzündung zu bekämpfen, ihr Bein zu erhalten und ihr die Chance zu geben, wieder ohne Gehhilfen und möglichst ohne Schmerzen laufen zu können.

Gulsums Geschichte zeigt, dass die Folgen einer Naturkatastrophe nicht mit dem Rückgang des Wassers enden. Für viele Familien beginnen danach Jahre voller Herausforderungen. Wenn die Lebensgrundlage verloren geht, werden selbst notwendige medizinische Behandlungen unerreichbar.

Mittwoch, 5. August:

Wir sind jetzt drei Tage in Afghanistan. Das Friedensdorf sucht erneut kranke und verletzte Kinder aus, die in Deutschland oder in afghanischen Krankenhäusern behandelt werden können. Wieder sind hunderte Eltern mit ihren Töchtern und Söhnen gekommen. Teilweise waren sie tagelang unterwegs, um aus entlegenen Provinzen nach Kabul zu kommen. In der Halle, in der sie warten, ist es brütendheiß, trotzdem warten sie geduldig. Stunde um Stunde. Wir sehen Kinder, die so unterernährt sind, dass sie kurz vor dem Hungertod sind.

Wir sprechen mit Eltern, deren Kinder von Krebs zerfressen sind und bald sterben werden. Es ist nicht möglich, ihnen zu helfen, und irgendwie wissen die Eltern das auch, aber sie wollen die Hoffnung nicht aufgeben und glauben an Wunder. Es gibt hier keine Wunder.

Wir sehen Kinder mit schweren Knochentzündungen und Kinder, deren Muskeln sich in Knochen verwandeln. Sehr viele Eltern sind bettelarm und haben sich verschuldet, um ihren Kindern zu helfen. Sie opfern sich für die Kleinen auf.

Wenn ich in die Augen dieser Menschen schaue, denke ich manchmal, es sollten vielleicht auch einmal Leute aus Deutschland hier sitzen, die so flink mit der Verurteilung ganzer Völker sind.

Die humanitäre Lage in Afghanistan ist noch immer extrem schwierig. Nach der Zerstörung von USAID durch die Trump-Administration sind viele Gesundheitsstationen dicht. Viele Hilfsorganisationen haben sich wegen der politischen Lage zurückgezogen. Der enorme Zustrom deportierter Afghanen aus Pakistan und dem Iran belastet das Land. Flutkatastrophen haben in diesem Jahr einmal mehr Dörfer weggespült. An der Grenze zu Pakistan gibt es Gefechte, Bomben fallen auf Dörfer. Unter all dem leiden Kinder, Frauen und Männer.

Text: Jan Jessen

Dienstag, 4. August:

Heute hat uns ein ganz besonderer Besucher überrascht: Sordais, ein ehemaliges Friedensdorf-Kind, das erst im vergangenen Jahr nach über zwei Jahren Behandlung in Deutschland in seine Heimat zurückkehren konnte.

Damals litt er an einer schweren Knochenentzzündung am Oberschenkel. Vor einigen Wochen bekam er erneut Schmerzen im Hüftbereich und machte sich große Sorgen, dass die Erkrankung zurückgekehrt sein könnte. Um Gewissheit zu haben, nahm er den langen Weg aus der Provinz Helmand nach Kabul auf sich – eine Reise von vielen Stunden.

Die Erleichterung war groß: Die Untersuchung zeigte, dass alles in Ordnung ist. Lediglich aus seinen orthopädischen Schuhen mit Schuherhöhung war er inzwischen herausgewachsen. Gemeinsam konnten wir ihm den Kontakt zu einer orthopädischen Werkstatt vermitteln. Dort arbeitet heute ein ehemaliges Friedensdorf-Kind, das selbst Ende der 1980er-Jahre zur Behandlung nach Deutschland kam und inzwischen anderen Menschen mit orthopädischen Hilfsmitteln hilft.

Während seines Besuchs wurde ein etwa zehnjähriger Junge auf einer Schubkarre zu uns gebracht – ein Bild, das für uns kaum vorstellbar ist. Beide Beine waren nach einer schweren Verletzung aufwendig eingegipst und mit einer Holzschiene ruhiggestellt. Die Verzweiflung der Familie war spürbar. Sordais unterstützte uns sofort beim Übersetzen und half dabei, die Situation zu erklären. Für den Jungen besteht nun die Hoffnung, dass er im Rahmen unseres Operationsprojekts behandelt werden kann.

Solche Begegnungen zeigen, dass unsere gemeinsame Geschichte nicht mit der Rückreise endet. Sie lebt weiter – in ehemaligen Friedensdorf-Kindern, die heute selbst Verantwortung übernehmen und anderen Menschen in schwierigen Situationen zur Seite stehen.

Sonntag, 2. August:

Angekommen in Kabul – Ein Wiedersehen, zu Herzen geht

Gestern Morgen sind wir nach Kabul zurückgekehrt. Mit an Bord war auch Osman, der es kaum erwarten konnte, endlich wieder nach Hause zu kommen. „Ich habe mitgezählt – es waren zwei Jahre und acht Monate“, sagte er voller Vorfreude kurz vor der Landung.

Der Moment der Wiedervereinigung war bewegend. Seine Familie hatte sich versammelt, um ihn willkommen zu heißen. Freude, Umarmungen und glückliche Gesichter – Augenblicke wie diese zeigen, warum sich jeder Einsatz lohnt. Zu sehen, wie ein Kind nach einer langen Zeit der Behandlung gesund zu seinen Liebsten zurückkehren kann, ist ein ganz besonderes Geschenk.

Vor gut einer Stunde haben wir gemeinsam mit unseren Partnern damit begonnen, die ersten Kinder medizinisch zu begutachten. Für den heutigen Tag hat der Afghanische Rote Halbmond bereits mehr als 600 Termine für kranke und verletzte Kinder vergeben. Nun gilt es, gemeinsam zu entscheiden, welchen Kindern wir durch unsere Operationsprojekte in Afghanistan oder im Rahmen unserer Einzelfallhilfe in Deutschland eine Behandlung ermöglichen können.

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