Medizinische Versorgung und Nothilfe für Kinder im Libanon
Vom 27. März bis 1. April 2026 war unsere Friedensdorf-Mitarbeiterin Claudia Peppmüller im Libanon, um sich ein Bild von der aktuellen Situation geflüchteter Familien in Beirut zu machen und bestehende Hilfsprojekte zu besuchen.
Ein zentraler Termin führte in das Lebanese Hospital Geitaoui-UMC, eines der wenigen spezialisierten Zentren für schwer brandverletzte Kinder im Land. Dort konnten mit Unterstützung von Friedensdorf International zwei Intensivbetten eingerichtet werden.
Diese sind erst seit wenigen Monaten in Betrieb. Ärztinnen, Ärzte und Pflegepersonal berichten, dass schon zahlreiche Kinder dort behandelt werden konnten. Viele der schweren Verletzungen entstehen durch Haushaltsunfälle, etwa wenn Kinder sich an offenen Kochstellen mit heißem Wasser verbrühen.

Kinder zwischen Flucht und Unsicherheit
Neben der medizinischen Versorgung stand die Situation der Binnenflüchtlinge im Fokus. In Beirut sind zahlreiche Schulen zu Notunterkünften umfunktioniert worden. In einer der besuchten Einrichtungen leben 49 Menschen in kleinen Klassenräumen, die mit Matratzen ausgelegt sind. Privatsphäre oder Rückzugsmöglichkeiten gibt es kaum.
Viele Familien berichten, dass sie bei ihrer nächtlichen Flucht am 2. März nur das Nötigste mitnehmen konnten – oft lediglich Kleidung, einfache Kochutensilien oder wenige persönliche Gegenstände.
„Es muss schlimm sein, in diesem Moment entscheiden zu müssen, was das Wichtigste im Leben ist – und dann festzustellen, dass es am Ende so wenig ist, was einem bleibt“, sagt Nabil Costa von unserer Partnerorganisation THIMAR. „Viele stehen vor den Scherben ihres Lebens und müssen in kürzester Zeit Entscheidungen für sich und ihre Familien treffen.“
Unterstützt werden die Familien unter anderem durch unsere Partnerorganisation THIMAR. Wir finanzieren dabei die Bereitstellung von Lebensmitteln, um die Versorgung der geflüchteten Familien sicherzustellen. THIMAR versorgt derzeit 29 staatliche Schulen in Beirut gemeinsam mit lokalen Partnern mit Lebensmitteln und organisiert Angebote für Kinder. Dazu gehören einfache Freizeitaktivitäten, Musik oder kleine Verteilungen, die helfen, den Alltag für kurze Zeit zu strukturieren.
Im Gästehaus der Organisation werden täglich über 180 Menschen mit drei Mahlzeiten versorgt. Die Hilfe erfolgt unabhängig von religiöser oder sozialer Zugehörigkeit. „Wir sind alle Libanesen“, betonten viele der Geflüchteten im Gespräch – ein starkes Zeichen in einer angespannten gesellschaftlichen Situation.


Für viele der Menschen ist es nicht die erste Flucht. Einige Familien mussten bereits in der Vergangenheit ihr Zuhause verlassen – andere stammen ursprünglich aus Ländern wie Syrien oder der Ukraine und sind erneut von Krieg und Vertreibung betroffen. Die aktuelle Situation bedeutet für sie ein weiteres Mal, alles zurückzulassen und in Unsicherheit zu leben.
Gezielte Angebote sollen Kindern helfen
Besonders belastend ist die Lage für Kinder. Viele zeigen deutliche Anzeichen von Stress und Trauma. Während einige sich schnell öffnen, reagieren andere stark zurückgezogen. Um dem entgegenzuwirken, werden bestehende Förderprogramme angepasst: Durch Spiel-, Mal- und Gruppenangebote erhalten die Kinder die Möglichkeit, ihre Erlebnisse zu verarbeiten.

Wie stark die Belastung ist, wurde auch in alltäglichen Situationen deutlich: Während des Aufenthalts lösten laute Geräusche – etwa durch in niedriger Höhe fliegende Flugzeuge oder dauerhaft präsente Drohnen – bei Kindern und ihren Müttern große Angst aus. Viele reagierten mit Weinen und sichtbarer Verunsicherung. Die Szenen machten deutlich, wie stark die Erlebnisse von Flucht und Gewalt bereits nachwirken.
Ein Moment bleibt besonders in Erinnerung: Im Spielzimmer des Gästehauses sang ein neunjähriges Mädchen das Lied „Pretty Little Baby“ von Connie Francis aus dem Jahr 1962. Mit großer Hingabe trug sie das Lied vor – ein beinahe surrealer Augenblick inmitten der belastenden Situation.
„Es ist berührend zu sehen, wie sehr Kinder trotz aller Erlebnisse an ihren Träumen festhalten – und gleichzeitig erschütternd, unter welchen Bedingungen sie aktuell leben müssen“, sagt Claudia Peppmüller. „Viele haben alles verloren: ihr Zuhause und ihren Alltag. Umso wichtiger ist es, ihnen zumindest einen sicheren Ort und ein Stück Normalität zu ermöglichen.“
Zukunft bleibt ungewiss

Gleichzeitig fehlen grundlegende Strukturen für ihre Zukunft. Der Schulunterricht ist für die Kinder seit Anfang März unterbrochen. Öffentliche Schulen sind geschlossen, digitale Alternativen scheitern häufig an fehlender Ausstattung oder steigenden Kosten.
Auch die Lebensbedingungen bleiben schwierig. Während des Besuchs herrschten niedrige Temperaturen und anhaltender Regen. In den Notunterkünften fehlt es an sicheren Heizmöglichkeiten, viele Familien berichten von Kälte und gesundheitlichen Problemen. Besonders Frauen mit Säuglingen sind auf zusätzliche Unterstützung angewiesen, etwa in Form von Babynahrung und Hygieneartikeln.
Die Perspektive für die kommenden Monate ist ungewiss. Viele Familien wissen nicht, ob und wann sie in ihre Heimatorte zurückkehren können. Der Wiederaufbau zerstörter Häuser wird Jahre dauern – zumal staatliche Mittel dafür kaum vorhanden sind. Gleichzeitig wächst die Sorge vor einer weiteren Eskalation der Lage im Land.

Die Situation im Libanon ist insgesamt mehr als angespannt. Auch Kamal Shehadeh, Minister für Vertriebene, bestätigte im Gespräch, wie schwierig die Versorgung der zahlreichen Binnenflüchtlinge derzeit ist. Es fehle an grundlegenden Ressourcen, während gleichzeitig internationale Hilfsgelder sowie Unterstützung aus der libanesischen Diaspora infolge der globalen Krise ausbleiben. Der Staat stoße bei der Versorgung der rund 1,2 Millionen Binnenflüchtlinge zunehmend an seine Grenzen. Viele von ihnen sind in rund 650 Schutzräumen untergebracht, bei denen es sich überwiegend um staatliche Schulgebäude handelt, die derzeit als Notunterkünfte dienen. Internationale Unterstützung bleibt daher dringend notwendig.
Wir werden unsere Hilfe im Libanon in enger Zusammenarbeit mit unserer Partnerorganisation fortsetzen und weiterhin insbesondere die Versorgung von Kindern unterstützen.
