Als Gul Ahmad Ende Mai gemeinsam mit 18 weiteren Kindern nach Afghanistan zurückkehrte, schien für ihn ein langer Weg endlich zu einem glücklichen Wendepunkt gekommen zu sein.
Gut drei Jahre hatte der neunjährige Junge aus der Provinz Herat im Friedensdorf in Deutschland gelebt. Ärztinnen und Ärzte hatten in dieser Zeit alles versucht, um seinen schwer geschädigten rechten Unterschenkel zu erhalten. Doch trotz zahlreicher Behandlungen wurde deutlich, dass sich der Knochen nicht mehr erholen würde.
Schließlich traf Gul Ahmad selbst eine bemerkenswerte Entscheidung. Er wollte keine weiteren belastenden Eingriffe mehr und sprach sich für eine Amputation des Unterschenkels aus. Gemeinsam mit seinen Eltern, die über die Partnerorganisation des Friedensdorfes in die Entscheidung einbezogen wurden, wurde dieser Schritt sorgfältig abgewogen. Auch die Familie stimmte der Amputation zu.
Nach dem Eingriff lernte Gul Ahmad beeindruckend schnell, mit seiner Prothese umzugehen. Er gewann Mobilität zurück und blickte voller Vorfreude auf den Tag, an dem er seine Familie wiedersehen würde. Mit jedem Kind, das vor ihm nach Hause reisen durfte, wurde sein Wunsch größer, endlich wieder in die Arme seiner Angehörigen zurückzukehren. Am 22. Mai war es schließlich soweit. Nach mehr als drei Jahren kehrte er in sein Heimatdorf in der Provinz Herat zurück.
Doch nur wenige Tage später nahm das Schicksal eine unerwartete Wendung
Am 31. Mai wurde Gul Ahmad bei einem Motorradunfall schwer verletzt. Ausgerechnet sein gesundes Bein erlitt einen komplizierten Bruch. Für seine Familie begann damit eine neue Herausforderung.
Während in Deutschland zwischen Unfall und Operation häufig nur wenige Stunden liegen, bedeutet medizinische Versorgung in Afghanistan oft lange Wege, hohe Kosten und große Unsicherheit. Zunächst musste die Familie eine Untersuchung und Röntgenaufnahmen organisieren. Wie viele Familien in Afghanistan verfügten auch Gul Ahmads Angehörige nicht über die finanziellen Mittel, um eine umfassende Behandlung selbst zu bezahlen.

Über den Afghanischen Roten Halbmond wurde deshalb erneut Kontakt zum Friedensdorf aufgenommen. „Wir sagen den Familien bei der Rückführung, dass sie sich jederzeit melden können, wenn Hilfe benötigt wird„, erklärt Friedensdorf Mitarbeiterin Claudia Peppmüller. Gemeinsam mit dem Afghanischen Roten Halbmond, der Partnerorganisation vom Friedensdorf, wurde die Behandlung des Jungen organisiert. Nach einer mehr als zwölfstündigen Reise konnte Gul Ahmad im Krankenhaus in Kabul aufgenommen werden. Dort wurde er im Rahmen eines von Friedensdorf International finanzierten Operationsprojekts erfolgreich behandelt.
Inzwischen konnte Gul Ahmad die Klinik wieder verlassen. Die Ärzte versorgten den komplizierten Bruch mit einer Metallplatte, die dauerhaft im Bein verbleiben kann, sofern keine Komplikationen auftreten. Nun muss der Bruch in Ruhe ausheilen. Gemeinsam mit seinem Vater, der während der gesamten Behandlung an seiner Seite war, konnte Gul Ahmad zu seiner Familie zurückkehren.
Mobile Klinik gewährleistet Grundversorgung

Gemeinsam mit Mitarbeitenden des Afghanischen Roten Halbmonds verschaffte sich Claudia Peppmüller während ihres Aufenthalts in Afghanistan einen Eindruck von der Arbeit der mobilen Klinik in einem Stadtteil am Rand von Kabul. In dem Gebiet leben rund 60.000 Menschen. Seit März dieses Jahres ist die mobile Klinik dort im Einsatz und versorgt täglich etwa 100 Patientinnen und Patienten, rund 80 Prozent davon Kinder. Bei Naturkatastrophen oder anderen Notlagen wird das Team zudem flexibel in andere Regionen des Landes entsandt.
Die Medikamente für die mobile Klinik werden von Friedensdorf International finanziert. Gleichzeitig unterstützt die Organisation Operationsprojekte in Kabul, über die auch Kinder wie Gul Ahmad behandelt werden können. Für Friedensdorf-Mitarbeiterin Claudia Peppmüller wurde beim Besuch der mobilen Klinik deutlich, wie wichtig die Verbindung aus medizinischer Grundversorgung, Medikamentenhilfe und weiterführenden Behandlungsmöglichkeiten ist:
„Genau darum geht es bei unserer Unterstützung. Medizinische Hilfe muss die Menschen erreichen – nicht umgekehrt. Viele Familien können sich den Weg in ein Krankenhaus oder die Kosten für Untersuchungen und Medikamente nicht leisten. Manche warten aus Angst vor den Kosten so lange, bis sich der Gesundheitszustand ihrer Kinder deutlich verschlechtert hat“, erklärt Peppmüller. Die mobile Klinik ermöglicht es, frühzeitig zu helfen, Krankheiten zu behandeln und Kinder bei Bedarf an Krankenhäuser weiterzuvermitteln. So kann verhindert werden, dass aus behandelbaren Erkrankungen oder Verletzungen schwerwiegende gesundheitliche Folgen entstehen.

Die mobile Klinik und die Operationsprogramme greifen dabei ineinander. Während vor Ort die medizinische Grundversorgung sichergestellt wird, können schwerere Fälle an spezialisierte Kliniken überwiesen werden. Dr. Ahmadzai, der die mobile Klinik leitet, sieht täglich, wie groß der Bedarf ist: „Viele Familien kommen mit ihren Kindern zu uns, weil sie sonst keine medizinische Hilfe erhalten würden. Gerade Kinder leiden häufig unter Infektionen, Mangelernährung oder den Folgen unbehandelter Erkrankungen. Deshalb ist es wichtig, dass wir vor Ort sind und schnell helfen können.“
Besonders für Familien, die nach Jahren der Flucht oder Vertreibung aus Iran und Pakistan nach Afghanistan zurückkehren mussten, sind solche Angebote oft die einzige Möglichkeit, medizinische Hilfe zu erhalten. Armut, weite Entfernungen und fehlende medizinische Infrastruktur erschweren vielerorts den Zugang zur Gesundheitsversorgung.
Für Gul Ahmad bedeutete dies weit mehr als nur eine medizinische Versorgung. Ohne die Zusammenarbeit zwischen Friedensdorf International, dem Afghanischen Roten Halbmond und den Partnerkliniken hätte der komplizierte Bruch möglicherweise dauerhaft zu schweren gesundheitlichen Folgen geführt. Stattdessen konnte er operiert werden und befindet sich nun auf dem Weg der Genesung. Die Geschichte von Gul Ahmad zeigt: Für viele Kinder endet Hilfe nicht mit der Heimreise.
Mobile Klinik im Einsatz: